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29.09.2017

Fit trotz Diabetes Typ 2

Der Diabetes mellitus Typ 2 verläuft oft schleichend. Anzeichen können Antriebsschwäche, Leistungsminderung, Müdigkeit, aber auch vermehrter Durst sein. Die Erkrankung wird neben genetischen Risiken auch durch die Lebensweise begünstigt. Die Grundlagen der Behandlung bilden neben Schulungsmaßnahmen eine gesunde Ernährung und mehr körperliche Aktivität, meist mit dem Ziel: Körpergewicht reduzieren.

 
 

„Da will ich nie mehr hin.“ Mit Nachdruck zeigt Veronika Janßen auf ein Urlaubsfoto, das sie in voller Outdoor-Montur auf einem Alpengipfel zeigt. Doch der resoluten Rentnerin mit dem flotten Kurzhaarschnitt geht es nicht um das schöne Bergpanorama. Was sie meint, sind die Pfunde, die sie zum Zeitpunkt der Aufnahme auf die Waage brachte. Zu hoch ist das Risiko, dass ihre Zuckerwerte dann wieder entgleisen. Und das möchte ich auf jeden Fall vermeiden.“

Blutzuckerwerte entgleist

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ihr Hausarzt eine Diabeteserkrankung vom Typ 2 diagnostizierte. „So richtig ernst habe ich das aber nicht genommen“, gesteht die 65-Jährige. Die Zuckertabletten – so dachte sie – würden die Werte schon im Zaum halten. Doch das taten sie nicht. Als sie vorein paar Monaten wegen entgleister Blutzuckerwerte im Verlauf eines fieberhaften Infektes in das St.-Marien-Hospital nach Marsberg überwiesen wurde, lagen ihre Blutzuckerwerte dort über 500 mg/dl. „Da half zunächst nur noch eines: Insulin spritzen, und zwar viermal am Tag“, berichtet Dr. Norbert Bradtke, Chefarzt für Innere Medizin und Leiter des von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zertifizierten Diabeteszentrums für Diabetes mellitus Typ1 und Typ 2 am St.-Marien-Hospital in Marsberg. Dank der sektorenübergreifenden diabetologischen Versorgungskompetenz wurde das St.-Marien-Hospital zudem als „Klinik für Diabetespatienten geeignet“ durch die DDG anerkannt.

Was ist Diabetes Typ 2?

Beim Diabetes mellitus Typ 2 handeltes sich mit einer Häufigkeit von etwa 90 Prozent um die am häufigsten anzutreffende diabetische Stoffwechselerkrankung. Das Hormon Insulin wird benötigt, um den Zuckerübertritt aus dem Blut in die Körperzellen zu gewährleisten. „Die Bauchspeicheldrüse produziert in der Frühphase der Erkrankung sogar deutlich mehr Insulin als normalerweise notwendig. Aufgrund einer ursächlich häufig genetisch bedingten und durch den Lebensstil begünstigten Insulinwirkungsstörung wird die aktiv umgesetzte Insulinwirkung dennoch mangelhaft. Dann steigt der Blutzucker an und die Körperzellen leiden unter einem Zuckermangel“, erläutert Dr. Norbert Bradtke, Chefarzt für Innere Medizin und Leiter des Diabeteszentrums im St.-Marien-Hospital Marsberg. Der Verlauf der Erkrankung ist schleichend, sodass sie oft erst mit mehrjähriger Verzögerung diagnostiziert wird.

Ein Diabetes mellitus Typ 2 besteht im Mittel sieben Jahre, bevor er festgestellt wird. Meist späte Alarmzeichen sind starker Durst, häufiges Wasserlassen,vermehrte Müdigkeitsphasen und Konzentrationsmangel. Diese Symptome ergeben sich aus dem Versuch des Körpers,den hohen Blutzucker vermehrt über den Urin auszuscheiden. Häufiger Harndrang, Flüssigkeitsmangel und Gewichtsverlust bis zur Austrocknung sind dann die Folge. Der Diabetes mellitus Typ 2 weist eine viel stärkere genetische Grundlage auf, als das früher gemeinhin angenommen wurde. Sind beide Elternteile erkrankt, entwickeln 70 bis 80 Prozent ihrer Kinder später als Erwachsene selber einen Diabetes Typ 2. Ist nur ein Elternteil betroffen, beträgt das Erkrankungsrisiko für das Kind immerhin noch circa 60 Prozent. Übergewicht und Bewegungsmangel wirken oft begünstigend. Daher stellen Schulungsmaßnahmen in Richtung einer gewichtsreduzierenden gesunden Ernährung und vermehrten körperlichen Aktivität grundlegende Behandlungsansätze dar. Zeigt das keine ausreichende Wirkung, werden zusätzlich Medikamente eingesetzt. Hier stehen heute Mittel zur Verfügung, die durch ihre auch gewichtsreduzierende Wirkung dabei helfen, eine Insulintherapie hinauszuzögern.

Lebensstil ändern

„Diese Diagnose war für mich ein Schock“, erinnert sich Veronika Janßen. Mit einem Mal sah sie das Schicksal ihres Nachbarn vor Augen, dem seine Zuckererkrankung schon eine Beinamputation und schwere Sehprobleme beschert hatte. Würde ihr das Gleiche bevorstehen? Doch Dr. Bradtke konnte Entwarnung geben: „Die Laborwerte haben gezeigt, dass Frau Janßens Bauchspeicheldrüse noch ausreichend eigenes Insulin produziert. Darauf lässt sich aufbauen.“ Mehr noch: Der Diabetologe konnte ihr sogar in Aussicht stellen,dass sie die hohe Insulingabe schon bald würde reduzieren können – vorausgesetzt,dass sie ihren Lebensstil ändert. „Als ich das gehört habe, war die Sache für mich klar“, erzählt sie. „Ich wollte beweisen,dass ich das schaffen kann.“

Kohlenhydrate reduzieren

Wie das mit der Lebensstiländerung funktioniert, das erfuhr die 65-Jährige in der Diabetologischen Schwerpunktpraxis. Diabetesberaterin Britta Peckmann nahm sie dort unter ihre Fittiche und wies sie in eine kohlenhydratbewusste und kalorienreduzierte Ernährung ein. Und Veronika Janßen machte ernst. Drei Kohlenhydrateinheiten (KE) pro Mahlzeit, das entspricht jeweils 10 g Kohlenhydrate – das musste für sie zunächst genügen. Zum Frühstück etwa bedeutete das eine Scheibe Brot mit Marmelade. Zum Mittagessen gab es eine Kartoffel als kohlenhydrathaltige Beilage – und abends abermals eine Scheibe Brot als Kohlenhydratanteil. Und wenn sich Veronika Janßen einen Fruchtquark anrührte, dann wog sie die Obstmenge selbstverständlich ab. „110 Gramm Mango sind eine Kohlenhydrateinheit. Das ist schneller erreicht als man denkt.“

Natürlich muss man den inneren Schweinehund besiegen und schon mal auf ein leckeres Stück Kuchen verzichten.

Pfunde purzeln

Schwergefallen, meint Veronika Janßen, sei ihr das alles nicht. „Natürlich muss man den inneren Schweinehund besiegen und schon mal auf ein leckeres Stück Kuchen verzichten. Aber ich wollte ja unbedingt von den Spritzen herunterkommen.“ Als schon nach kurzer Zeit die Pfunde purzelten, habe das einen weiteren Motivationsschub ausgelöst. Und ihr Ziel hat sie auch schon fast erreicht. Nur einmal noch muss sie jetzt pro Tag Insulin spritzen, ansonsten genügen die Tabletten. „Und vielleicht fällt diese eine Spritze ja auch einmal weg.“

Veränderungen fallen vielen schwer

Für die Diabetesberaterinnen Irmgard Lammers und Britta Peckmann die ideale Patientin: „Sie hat sich ein ungeheuer ehrgeiziges Ziel gesetzt und zieht das mit eisernem Willen durch. So motiviert wie sie sind leider nicht alle.“ Auch wenn in der Diabetesberatung bewusst keine Verbote ausgesprochen werden, sondern eher auf eine behutsam lenkende Einwirkung gesetzt wird, fallen Veränderungen vielen Diabetikern schwer. Knackpunkt ist neben der Ernährung oft die Bewegung. „Wir alle wissen, wie schwer wir uns mit Veränderungen von lieb gewonnenen Gewohnheiten tun“, sagt Irmgard Lammers. Wichtig sei es, Veränderungen um persönlich besonders positiv besetzte Gewohnheiten herum aufzubauen.

Die Diabetesberaterinnen Irmgard Lammers (re.) und Britta Peckmann

Leichter laufen

Auch in diesem Punkt ist Veronika Janßen vorbildlich. Als leidenschaftliche Wanderin und Mitglied im Deutschen Alpenverein, muss sie sich zum Rausgehen nicht überwinden. Jeden Mittag – wenn es das Wetter zulässt – dreht sie mit ihrem Mann eine Nordic-Walking-Runde. Und auch die nächsten Bergwanderungen sind schon geplant. „Mit 20 Kilo weniger komme ich jetzt bestimmt leichter auf den Gipfel.“

 
 

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