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19.06.2019

Den Wahnsinn auf die Bühne bringen

Menschen mit psychischen Erkrankungen proben einmal die Woche mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in dem inklusiven Theaterprojekt Soul LaLa. Es bringt unterschiedliche Menschen zusammen und fördert das Verständnis füreinander. Und manchmal gehen die Schauspieler gemeinsam an ihre Grenzen.

 

Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, stehen die zwölf Schauspieler im Raum. Eine junge Frau macht einen Schritt nach vorne und ruft: „Pfeift der Sturm?“ Am anderen Ende der Reihe erwidert eine andere: „Keift ein Wurm?“ Abwechselnd treten die Schauspieler nach vorne: „Heulen“, „Eulen“, „hoch vom Turm“. Sie rezitieren ein sogenanntes Galgenlied des deutschen Dichters Christian Morgenstern. Nicht immer passen Einsatz und Betonung, aber bei jedem Durchgang gewinnen sie an Sicherheit. Seit gut einem halben Jahr proben sie einmal die Woche zusammen. 

Wir wollen Barrieren abbauen und auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen. – Judith Mark, Sozialraummanagerin

Es ist die Probe einer außergewöhnlichen Laienschauspieltruppe. Menschen mit psychischen Erkrankungen spielen zusammen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der Region Theater, angeleitet von Regisseur Florian Burg. Die Barmherzigen Brüder Schönfelderhof und das Jugendbüro Schweich organisieren das inklusive Theaterprojekt, dabei werden sie vom Dachverband der Gemeindepsychiatrie unterstützt und von der Aktion Mensch finanziell gefördert. Ziel ist es, psychisch Erkrankte mit anderen Menschen zusammenzubringen – außerhalb der Einrichtung und der täglichen Arbeit. „Wir wollen so Barrieren abbauen und auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen“, erklärt Sozialraummanagerin Judith Mark vom Schönfelderhof. Ihre Vorgängerin hatte das Projekt ins Leben gerufen. 

Eine besondere Truppe: Die Lust am Theaterspiel vereint die Laienschauspieler.
Eine besondere Truppe: Die Lust am Theaterspiel vereint die Laienschauspieler.

Alle sind willkommen

Zwischen elf und 13 Schauspieler machen bei den wöchentlichen Proben mit, sechs kommen vom Schönfelderhof. Die meisten arbeiten dort in der Werkstatt oder in der Wäscherei, sie leben größtenteils zu Hause oder in gemeindepsychiatrischer Betreuung. Die Erkrankungen reichen von ADHS bis hin zu Depression oder Angststörung. „Als wir das Projekt geplant haben, haben wir unsere Klienten gefragt, was sie gerne machen würden. So sind wir aufs Theaterspielen gekommen“, erzählt Judith Mark. Sie begleitet die Klienten und macht zur Unterstützung auch bei den Proben mit. 

Zusammen mit dem Regisseur haben der Schönfelderhof und das Jugendbüro Schweich die Idee eines inklusiven Theaterprojektes vorangetrieben. Denn gerade das gemeinsame Spiel bringe Menschen zusammen, erben gehen alle beispielsweise zusammen einkaufen.

Was macht eine Sozialraummanagerin?

Sozialraum ist eigentlich ein Begriff aus der Geografie: Er beschreibt ein begrenztes Gebiet wie einen Stadtteil, wo Menschen wohnen und arbeiten. Mittlerweile werde der Begriff auch in der Sozialarbeit eingesetzt, erklärt Judith Mark. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Frage: Wo und wie findet das Leben ihrer Klienten, die auf dem Schönfelderhof arbeiten, statt? „Ich organisiere Freizeit- und Bildungsangebote“, erzählt die Sozialraummanagerin. Neben der Arbeit auf dem Hof können die Klienten bei verschiedenen Aktivitäten mitmachen, beispielsweise bei einem Kinobesuch in der nächstgelegenen Stadt oder einem gemeinsamen Kochabend. „Dabei geht es nicht nur um reine Abwechslung, sondern auch um Inklusion“, erklärt sie. Sie sucht den Austausch mit den umliegenden Gemeinden, stellt Kontakt zu Vereinen und Initiativen aus der Gegend her. Das Ziel: Menschen mit psychischen Erkrankungen engagieren sich in Vereinen in der Nähe, Interessierte kommen zu den Angeboten der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof.

Thema Wahnsinn

Immer wieder entwerfen die Teilnehmer im freien Spiel Szenen, die auch psychische Erkrankungen thematisieren. Der Titel der Workshops zu Beginn lautete nicht ohne Grund „Tage des Wahnsinns“. „Einerseits hat das Wort ja eine positive Bedeutung wie ,wahnsinnig schön‘, gleichzeitig beschreibt es auch einen klinisch-pathologischen Wahnsinn“, erklärt Regisseur Burg. „Als Betroffene von Erkrankungen haben sie einen Blick auf die Welt, den ich nicht habe. Davon wollen wir profitieren.“ Sein Wunsch ist es, gemeinsam mit den Schauspielern ein Stück zu entwickeln. „Wir machen den Wahnsinn auch zu unserem Thema. Wir versuchen, die gesellschaftliche Sicht darauf – von beiden Seiten – auf die Bühne zu bringen.“ 

Dabei kommt der Spaß offensichtlich nicht zu kurz. Während der Proben und in den Pausen wird viel gelacht, die Teilnehmer verstehen sich gut. „Das Besondere an der Gruppe ist, dass viele Menschen hier zusammenkommen, die sich ansonsten nicht gefunden hätten und jetzt ein super Team bilden“, erzählt Studentin Jana Weber. „Wir mögen uns alle. Und wir sind eine kleine Theaterfamilie geworden in den letzten Proben“, sagt Schülerin Lisa Birkel. Angelina Hahn, die daneben steht, ergänzt lachend: „Ich kann das auch nur so sagen.“ 

Als Betroffene von Erkrankungen haben sie einen Blick auf die Welt, den ich nicht habe. Davon wollen wir profitieren. – Florian Burg, Regisseur

Angst überwinden

Doch manchmal wird so viel gelacht, dass Florian Burg eingreift. „Konzentriert euch und versucht, in eurer Rolle zu bleiben“, ermahnt er die Schauspieler. Später erläutert er, dass durch das Lachen die Anspannung verloren gehe und häufig auch unangenehme Situationen gelöst würden. Das Spielen und Agieren vor anderen ist nämlich anstrengend und fordernd. „Am Anfang hatte ich schon Probleme. Und ich war unsicher, ob ich noch mal kommen sollte“, erzählt Shavala Crane, die zusammen mit Angelina Hahn in der Wäscherei des Schönfelderhofes arbeitet. Hahn ergänzt: „Es war wie ein Experiment: Ich wusste nicht, was mich erwartet.“ Auch Jana Weber hatte Bedenken: „Kann ich vor anderen Menschen aus mir herauskommen, auch wenn man mal Texte sprechen muss?“

Doch sie sind dabeigeblieben und lernen. Die Szene vom Anfang proben die Schauspieler erneut. Doch diesmal reagieren sie aufeinander. Bei den Fragen hört man Fragezeichen, deutliche Rufe kommen als Antwort. Sie schauen sich an, bewegen die Arme beim Sprechen und verteilen sich im Raum. Sie haben eine Beziehung zueinander entwickelt und jetzt spielen sie auch zusammen.

Text: Joris Hielscher | Fotos: André Loessel

 
 

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