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Impulse

Impulse zu unterschiedlichen Zeiten des Jahres – in der Fastenzeit, an Pfingsten – sind gedacht als Alltagsunterbrecher, die unaufdringlich einen Bezug herstellen möchten zu den spirituellen Wurzeln unseres Auftrags: Denn neben Gesundheit und Pflege gehört auch die Nahrung für die Seele dazu, wenn man will, dass es dem Menschen gut geht.

 

Fastenzeit

Während der Fastenzeit wird an dieser Stelle an jedem Mittwoch ein neuer Impuls veröffentlicht. Die Texte sind als Begleitung durch die Zeit von Aschermittwoch bis Ostern gedacht und folgen in jedem Jahr einer Frage oder einem roten Faden.

Impulstexte 2018

Überblick: 7 Impulse für 7 Wochen Fastenzeit

Die Impulse zur Fastenzeit sollen auch in diesem Jahr einmal wöchentlich die Möglichkeit geben, den Alltag für einen Moment zu unterbrechen und mit einer Idee, einem spirituellen Akzent in den weiteren Tag zu gehen.

In diesem Jahr ist es ein eigenartiges Zusammentreffen beim ersten Impulstext: Der Aschermittwoch und der Valentinstag fallen auf denselben Tag. Stimmungsmäßig hat man die Qual der Wahl: Romantisch beglückt oder trübsinnig büßend. Allerdings kann es sein, dass das gar kein so großer Gegensatz ist: Die Fastenzeit soll letztlich den Menschen nicht niederdrücken, sondern ihn eigentlich leicht und liebenswert machen. Und dann wäre der Aschermittwoch vom Valentinstag gar nicht so weit weg. Der Impuls versucht auch, eine Brücke zu schlagen zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit.

Der zweite Impuls zur Fastenzeit lenkt den Blick auf einen gesellschaftlichen Brennpunkt, der allerdings eher still und leise ist: Einsamkeit. Wer kann eigentlich der Einsamkeit abhelfen? Meine Suche hat mich nach England, das Land der „splendid isolation“, geführt. Dort hat man verstanden, was Einsamkeit für eine Gesellschaft bedeutet. Und dort sind Menschen zu finden, die ihre ganz eigene Strategie haben, um Einsamkeit zu überwinden.

Vor 100 Jahren erschien die erste deutsche Industrienorm. Seitdem bestimmen diese Standards viele Bereiche unseres Lebens. Im übertragenen Sinn prägen Normen und Standards ebenfalls unser Leben, unsere Erwartungen, unsere Vorstellungen: nicht nur von Produkten und Dienstleistungen, sondern auch von Menschen. In eine andere Richtung zeigt der dritte Impulstext: Auch das, was nicht in Vorstellungen und Schemata passt, gehört zur Welt – und darf in ihr sichtbar werden.

Sich selbst verändern, aus dem alten Trott und den alten Gewohnheiten ausbrechen: Das ist eine der schwersten Aufgaben im Leben. Manchmal gelingt es, weil ein winziger Anstoß von außen zur richtigen Zeit kommt. Die Geschichte, die im Mittelpunkt des vierten Impulses steht, zeigt, dass es vor allem Gesten der Aufmerksamkeit, der Wertschätzung und der Zuwendung sind, die ungemein wirksam sind und Veränderungsprozesse in Gang setzen können.

Aus der letzten Legislaturperiode wird sicher ein Wort in Erinnerung bleiben: „Wir schaffen das!“ Geschickt oder ungeschickt? Richtig oder falsch? Der Streit über diesen Satz dauert im Grunde immer noch an. Aber: Was sollen wir eigentlich schaffen? Und wo wird das sichtbar? Ideen brauchen Symbole – der fünfte Impuls erzählt von einem solchen Symbol, einem Symbol für eine alte und immer aktuelle Sehnsucht, der Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit.

„Vom Vater hab ich die Statur, /  des Lebens ernstes Führen, /  vom Mütterchen die Frohnatur / und Lust zu fabulieren.“ So beginnt ein Gedicht von Goethe, mit dem er einen Blick auf sein Lebensprogramm oder besser seine Lebens-Ausstattung wirft. Und ein bisschen resigniert schließt das Gedicht: „Was ist denn an dem ganzen Wicht /  Original zu nennen?“ Woher haben wir eigentlich, was wir sind – und was haben wir selbst dazu gelegt: aus unserer Lebenserfahrung, unseren Einsichten? Wird daraus ein Lebensprogramm? Sind wir jeweils ein „Original“? Der sechste Impuls erinnert an ein wichtiges Datum der Wissenschaftsgeschichte und ermutigt zum Spiel mit Buchstaben und Begriffen – auf der Suche nach dem Lebensprogramm.

Mit dem Impuls für die Kar-und Ostertage endet die Reihe der diesjährigen Impulse für die Fastenzeit.
Ostern darf, kann und soll überraschend sein. Das Osterfest macht einen Strich durch die Rechnung des immer Gleichen. Ostern öffnet den Horizont für das Neue. Darum geht es im siebten und letzten Impuls.

1. Mehr Kusshände!

Kusshände sind ein hervorragendes Mittel, um mit Menschen in Kontakt zu kommen. Und sie sind so
herrlich mehrdeutig.

Vorsätze? Für die Fastenzeit? Mir fällt eher das Übliche ein. Verzicht auf… Die Liste geht von Gummibärchen über die Schokolade bis zum Wein.

Eine Freundin hat für die Fastenzeit einen ganz anderen Vorsatz: „Ich werde mehr Kusshände verteilen.“ Wenn die Funken auf den Karnevalswagen haufenweise Kusshände verteilen – bitteschön, das passt. Aber in der Fastenzeit? Ich vergewissere mich: „Kusshände? Als Vorsatz? Und was soll das?“ Sie sagt: „Ganz einfach: Kusshände sind ein hervorragendes Mittel, um mit Menschen in Kontakt zu kommen. Und sie sind so herrlich mehrdeutig. Wer mir freundlich zulächelt, bekommt eine Kusshand. Wer mir die Tür aufhält, bekommt eine Kusshand. Wer mir die Tür vor der Nase zufallen lässt – bekommt eine Kusshand. Wenn ich Freunde verabschiede, bekommen sie eine Kusshand. Der Autofahrer, der an einer engen Stelle hält und mir die Vorfahrt lässt, bekommt eine Kusshand. Und der, der mir die Vorfahrt nimmt, natürlich auch. Was meinst du, wie viele verdutzte, lächelnde oder lachende Gesichter ich auf diese Weise zu sehen kriege!“

Ein einfaches Mittel – und mit Verzicht zu tun hat es auch. Mit dem Verzicht auf den persönlich gepflegten Spontan-Ärger auf jeden Fall. Ein guter Vorsatz? Immerhin kann man ihn ausprobieren – oder mit Fantasie andere Dinge entdecken, mit denen man seine Mitmenschen überraschen kann.

Dr. Peter-Felix Ruelius

2. ... und wenn ja, wie viele?

Einer der wichtigsten Schritte muss von dem gegangen werden, der sich einsam fühlt.

„Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Die Frage aus dem philosophischen Bestsellertitel können viele ganz ohne Zynismus so beantworten: Ich bin einer – und ich bin einsam.

Weil Einsamkeit sich ganz offenkundig zu einem zentralen gesellschaftlichen Thema entwickelt, hat die britische Regierung als erste in Europa eine eigene Stelle dafür geschaffen.Die britische Ministerin Tracey Crouch übernimmt diesen Posten zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben und ist seit Januar „Minister for Loneliness“.

Ich muss an das Märchen vom selbstsüchtigen Riesen denken, das Oscar Wilde erzählt. Während vieler Jahre kamen Kinder nach der Schule in den Garten eines Schlosses um zu spielen.Bis der Besitzer, ein Riese, nach einer langen Abwesenheit zurückkam. Das Spielen der Kinder störte ihn so, dass er sie alle vertrieb und eine riesige Mauer um den Garten zog. Jetzt waren nicht nur die Kinder fort. Auch mit dem Blühen hatte es ein Ende. In dem Garten fühlten sich nur noch Winter und Frost wohl. Einsam, kalt und unerträglich war es – bis sich eines Tages die Kinder durch einen Riss in der Mauer zwängten und den Garten zurückeroberten. Und mit den Kindern kam der Frühling. Der Riese war so gerührt, dass er die Mauer einriss und es von nun an tolerierte, dass die Kinder im Garten spielten.

Wenn der Riese heute die Mauer einreißen würde: Wer weiß, ob überhaupt noch jemand da wäre,um wieder Leben und Frühling in sein Leben zu bringen. Menschliches Miteinander ist zu einem knappen Gut geworden.

Einsamkeit überwinden, die offensichtliche und die verborgene Einsamkeit in der Gesellschaft: Vielleicht sind Regierungsposten und Initiativen notwendig, um Menschen zusammenzubringen.Der 90-jährige Derek Taylor aus Manchester, dessen Top Ten Tips gegen Einsamkeit es bis in die Nachrichten der BBC geschafft haben, wollte darauf nicht warten. Er weiß, dass einer der wichtigsten Schritte von dem gegangen werden muss, der sich einsam fühlt. Und so lautet einer seiner Tipps für einsame Menschen: „Nimm dein Telefon viel öfter zur Hand um jemanden anzurufen– und warte nicht, bis jemand dich anruft.“

3. Wir können uns sehen lassen!

Ich darf aus meinem Versteck kommen, weil ich meinen Mitmenschen zutraue, dass sie mich mit Respekt ansehen.

Ein ganz schön konzentrierter Blick. Gut, die Aufgabe ist ja auch nicht ganz einfach: eine Krawatte binden. Die Männer, die (noch) Krawatten tragen, wissen das. Ähnlich schwer ist das Zubinden von Schuhen. Kleine, aber hochkomplexe Alltagsaufgaben, für die man vor allem eins braucht: Zwei gesunde Hände. Hier ist es anders: Bertolt Meyer ist auf eine Prothese angewiesen, weil ihm der linke Unterarm fehlt. Die so genannte bionische Prothese schenkt ihm jedoch heute, was lange Zeit als undenkbar galt – eine nahezu vollständig funktionsfähige Hand.

Das Bild von Bertolt Meyer war in einer Foto-Ausstellung zu sehen. So wie er zeigen sich viele andere. Der Foto-Wettbewerb und die Ausstellung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege im vergangenen Jahr standen unter der Überschrift: Mensch – Arbeit – Handicap. Sie verstanden sich als ein Projekt zur Inklusion. Menschen mit Handicap zeigen sich: Sie sind, wenn Inklusion gelingt, selbstverständlich
Teil der Gesellschaft und der Arbeitswelt.

Ich stelle mir den ersten Schritt schwierig vor: Bis heute geht es oft genug darum, Handicaps zu verbergen und mit ihnen so gut wie möglich zurechtzukommen. Zum ersten Schritt braucht man Mut: Aus dem Verbergen in das Licht. Aus dem möglichst Unauffälligen sichtbar werden. Aus der manchmal gut gehüteten Privatheit in die Öffentlichkeit einer Ausstellung.

Verbergen und zeigen: Auch für Menschen ohne offensichtliche Handicaps ist das eine Herausforderung. Was von mir dürfen andere sehen? Was sollen sie sehen? Wann mache ich mich verletzlich, wenn ich anderen etwas von mir zeige?

Verbergen und zeigen: Mit diesem Gegensatzpaar spielt die Fastenaktion der evangelischen Kirche in diesem Jahr. Sie heißt „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“. In vielen Facetten geht es darum, sichtbar zu werden. Sich zu zeigen. Mit der Hoffnung, die man hat. Mit der Liebe, die man hat, aber auch mit den Fehlern, die man hat. Ich verstehe das als Einladung und Ermutigung. Etwa so: Ich darf mich sehen lassen. Ich darf etwas von mir zeigen. Ich darf aus meinem Versteck kommen, weil ich meinen Mitmenschen zutraue, dass sie mich mit Respekt ansehen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

4. Wie sich etwas verändert

Schon eine kleine Geste kann helfen, uns in eine bessere Version unserer selbst zu verwandeln.

Ein absolut schlampiger junger Mann, ein Junggeselle, lebte in einer Wohnung, in der es aussah wie auf einer Müllhalde. Die Spüle war voll mit dreckigem Geschirr und wohin man sah: nichts als Unordnung und Schmutz. Der junge Mann wusste sehr genau, in was für einem Chaos erlebte, aber er dachte sich, das sei kein Problem, wenn er niemanden in seine Wohnung lasse.

Auch die junge Frau, die er kennenlernte und in die er sich verliebte, traf er nur außerhalb der Wohnung. Sie machten lange Spaziergänge – aber seine Wohnung sah sie nie. Eines Tages pflückte sie für den jungen Mann eine Rose und schenkte sie ihm. 

Zuhause suchte der junge Mann nun erst nach einer Vase, denn er wollte dieses Geschenk würdig aufbewahren. Und als er eine gefunden hatte, machte er sich erst einmal daran, sie zuscheuern, bis sie glänzte. Er stellte die Rose hinein und füllte die Vase mit Wasser: Wohin nun damit? Er räumte den Esstisch frei und wischte ihn ab. So ganz zufrieden war er nicht, weil er sah, dass dieses schöne Bild nicht zu seinem sonstigen Durcheinander passte. Also fing er an aufzuräumen und hörte nicht eher damit auf, als bis die ganze Wohnung aufgeräumt und sauber war. Seine Wohnung sollte zu dem wertvollen Geschenk seiner Freundin passen – und ohne dass jemand ihn dazu genötigt hatte, hatte diese Rose ihn und seine Wohnung verändert.

Mahatma Gandhi erzählte diese Geschichte seinem Enkel. Und der Enkel, Arun Gandhi,mittlerweile 83 Jahre alt, erzählt sie weiter, in seinem Buch „Wut ist ein Geschenk“. Arun Gandhi schreibt, dass ihn, als er ein Jugendlicher war, diese Geschichte sehr berührt habe– das Gefühl des Angenommen-Seins, das in so einer kleinen Geste sichtbar wird, kann helfen, uns in eine bessere Version unserer selbst zu verwandeln.

Mahatma Gandhi hatte noch eine zweite Idee bei dieser Geschichte. Wir selbst, so sagt er, können so sein wie eine Rose, die dort sichtbar wird, wo wir leben und handeln. „Ein einziges lebendiges Beispiel von Liebe oder Hoffnung oder Wahrheit genügt“ und im Kontrast dazuwirkt alles andere vielleicht armselig – und Menschen können durch diesen Kontrast ihre eigenen Möglichkeiten besser erkennen. Sie können sich entscheiden und sich verändern.

Dr. Peter-Felix Ruelius

5. Jeder Mensch braucht ein Zuhause!

Zuhause beginnt dort, wo Menschen einander aufnehmen, ohne Angst.

Obelisken stehen seit Jahrtausenden in Ägypten und an vielen anderen Plätzen in der Welt. Als steinerne Bilder der Sonnenstrahlen oder der Strahlen des Sonnengottes stehen sie ganz plastisch für die Verbindung der irdischen und der göttlichen Welt. Wo sie in andere Länder gebracht wurden, haben sie andere Bedeutungen erhalten: Blickfang und Schmuck für zentrale Plätze. In Rom, in Paris – und jetzt auch in Kassel.

Seit der documenta im vergangenen Sommer steht ein Obelisk des afrikanischen Künstlers Olu Oguibe dort auf dem Königsplatz. Der Künstler versteht ihn als Symbol für den Moment und die Kultur des Willkommens, die an vielen Orten in Deutschland während der vergangenen Jahre erlebt werden konnten. „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“: Die Inschrift zitiert aus dem Matthäus-Evangelium. In deutsch, arabisch,türkisch und englisch steht sie auf den vier Seiten des Sockels. Einen besonderen historischen Rückblick verbindet der Künstler auch noch mit seinem Denkmal: Die Hugenotten, vertriebene evangelische Christen aus Frankreich, wurden in großer Zahl in Hessen aufgenommen und trugen wesentlich zur Entwicklung der nordhessischen Gesellschaft bei.

Vielen Bewohnern der Stadt ist der Obelisk mittlerweile wertvoll geworden. Menschen verabreden und treffen sich dort – und die Stadt wirbt um Spenden für den Ankauf. Früher waren die Obelisken Zeichen der Sonnenstrahlen. Hier wurde einmal einer zu einem Zeichen für die Strahlen, die von Menschen ausgehen können. Ich stelle mir vor, wenn ich in einem fremden Land ein solches Zeichen sehen würde: Was für ein wertvolles Signal wäre das. Ich würde aufatmen. Mich vielleicht in den Schatten dieses Kunstwerks setzen und für einen Moment Angst und Sorge vergessen.

Die Caritas-Kampagne 2018 heißt: Jeder Mensch braucht ein Zuhause. Der Obelisk sagt: Zuhause beginnt dort, wo Menschen einander aufnehmen, ohne Angst. Zuhause beginnt immer im weiten Herzen und den offenen Armen der Menschen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

6. Das Programm des Lebens

Wie wäre es, wenn ich einmal danach frage, was meine eigene „geistige DNA“ ist?

Fast genau vor 65 Jahren schreibt Francis Crick seinem Sohn einen Brief. Francis Crick kennen viele noch aus dem Biologie-Unterricht. Wenn man den Namen James Watson dazu nennt, erinnern sich sie meisten: Crick und Watson: Das waren doch die mit der DNA. Richtig.

Michael, der Sohn von Francis Crick, ist krank und liegt in seinem Internat im Bett. So bekommt er durch den Brief seines Vaters einen wunderbaren und persönlichen Einblick in dessen Denkwerkstatt und erfährt Wochen vor der Fachwelt von einer entscheidenden Entdeckung: „Mein lieber Michael, Jim Watson und ich haben wahrscheinlich eine äußerst wichtige Entdeckung gemacht. Wir haben ein Modell für die Struktur der Des-oxy-ribonuklein-Säure, kurz D.N.A. gebaut.“ Am Ende des Briefes schreibt er lapidar: „Wir glauben, dass wir den grundsätzlichen Kopiermechanismus entdeckt haben, durch den Leben wieder Leben erzeugt.“

Die DNA ist eine Universalstrategie für alle Lebensformen, von der Amöbe bis hin zum Menschen. Die DNA ist das Unverwechselbare jedes Lebewesens. Noch etwas Chemie, aber keine Angst: Es geht hier nur um die Anfangsbuchstaben. Denn DNA besteht im Wesentlichen aus 4 Basen: Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin, abgekürzt mit den Buchstaben A, T, C, G.

Und das bringt mich auf eine Idee: Wie wäre es, wenn ich einmal danach frage, was meine eigene „geistige DNA“ ist? Zugegeben. Ein assoziatives Wortspiel. Aber es weckt in mir die Lust zum Weitersuchen. Und so schreibe ich mir die vier Buchstaben untereinander und suche nach passenden Begriffen dazu: Welche Bausteine wären es, aus denen meine DNA, gewissermaßen mein Lebensprogramm, zusammengesetzt ist? Und welche wären Ihre? Vielleicht entstehen ganz großartige Lebensprogramme daraus.

A Anstrengung, Achtung, Aktionen, Akzente, Attraktivität, Aufrichtigkeit …

T Tiefgang, Trends, Treue, Trost, Träume, …

C Courage, Charisma, Chancen, …

G Güte, Gerechtigkeit, Genauigkeit, …

Dr. Peter-Felix Ruelius

7. Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

Ostern weckt das Leben und den Blick für das Einmalige, das es in jedem Leben gibt.

Mit jedem Jahr, das man lebt, werden die Dinge einander ähnlicher: Wahlen hier und da. Regierungen: passende oder unpassende. Kalte oder milde Winter. Gute Restaurants oder mittelmäßige. Bequeme Schuhe und unbequeme. Was sich unterscheidet, sind doch nur Nuancen.

„Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht“ – Ende der sechziger Jahre schreibt Georg Kreisler, der österreichische Kabarettist und Musiker, dieses Lied. Wie durch ein offenes Fenster weht immer dasselbe neue Alte ins Zimmer. „Und der Abend ist zu schön für solche Sorgen. / Und das morgige Programm beginnt erst morgen. / Ich weiß schon heut, was man dann sieht – Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!“

Heute hat der Newsticker im Handy das Fernsehen ersetzt – aber die Neuigkeiten werden dadurch nicht besser. Der Strom der Neuigkeiten, die doch kaum noch welche sind, macht unempfindlich. Unempfindlich für Überraschungen, unempfindlich für das Einmalige. Das Grundgefühl dabei: Alles haben wir in irgendeiner Weise schon gesehen. Von allem schon irgendwie gehört. Wenn man diese Dynamik unterbricht, kann man wach werden für die Überraschungen und das Einmalige, das es gibt. Mit Staunen wahrnehmen, dass die wochenlangen Schmerzen sich doch verzogen haben, weil man einen Therapeuten mit genialen Händen hat. Staunen, dass man Blumen bekommt. Überrascht sein, dass man einen Anruf erhält von einem Freund, den man vor Jahren das letzte Mal gesehen hat. Alles alltäglich? Alltäglich schon, aber nicht nebensächlich.

Ostern macht einen Strich durch die Rechnung des immer Gleichen. Wir behaupten, dass tot bleibt, was tot ist. Dass es tot bleibt, weil es immer so war. Ostern behauptet: Es ist anders. Ostern unterbricht den Strom des immer Gleichen. Wer das glaubt, ist der eigentliche Wirklichkeitsversteher: Denn eine Wirklichkeit, die keinen Raum mehr hätte für das wirklich Neue, das es noch nicht gegeben hat, müsste uns lähmen. Ostern weckt das Leben und den Blick für das Einmalige, das es in jedem Leben gibt. „Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!“ – In diesem Jahr ist das mein Ostervers.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Impulstexte 2017

Überblick: 7 Impulse für 7 Wochen Fastenzeit

Die Impulse für die Fastenzeit folgten in diesem Jahr, teilweise assoziativ, einer einfachen Frage: Wie soll man in der Welt präsent sein? Wie soll ich mich selbst zeigen und wie sollen andere mich wahrnehmen dürfen? Dazu nehmen die Texte unterschiedliche Spuren auf – am Anfang steht eine, die am Ende des Winters noch besonders gut tut: Eine Spur des Lichts.

Kleine Münze in der großen Weltpolitik? Ja, weil am Anfang ja nicht die Zäune und Mauern und Lager stehen, sondern Empfindungen, Haltungen, Gesten, mit denen Menschen einander begegnen. Bewegt man etwas, wenn man mit dem, was wichtig ist, im kleinsten Umfeld anfängt? Im zweiten Impuls geht es darum, dass es auf den Versuch ankommt. Vielleicht finden sich Mittäter. 

Düfte sind eine wunderbare Art, eine Atmosphäre herzustellen. Und die meisten Menschen reagieren auch ziemlich sensibel auf Düfte oder Gerüche.Kann man diese wunderbare Fähigkeit nutzen, um mitten in der Woche ein wenig Sonntag werden zu lassen? Auch hier kommt es auf den Versuch an, wie der dritte Impuls der Fastenzeitreihe 2017 zeigt. Ganz nebenbei kann man auch etwas darüber lernen, warum der Geruchssinn aus der Sicht des Judentums besonders privilegiert ist.

Ratgeber, kurze und kleine Lebensregeln tauchen immer mal wieder auf und wecken die Hoffnung, dass das Leben ganz einfach sein könnte.Der vierte Impuls enthält eine kleine Anleitung zum Leben. Sie ist sehr unkompliziert. Wird das Leben dadurch einfacher? Wird es besser? Probieren Sie es aus!

Leider, leider ist die Welt wirklich nicht so, wie sie sein sollte. Und leider, leider fällt einem das immer wieder auf. Wie sollte man sich da zurückhalten? Man muss doch…Von einem kleinen inneren Widerstreit mit dem Ergebnis der intensiven Reflexion der eigenen Wahrnehmung aller Fehler dieser Welt berichtet der fünfte Impuls.

Nur ein einziger Buchstabe trennt das Zappen vom Zappeln: Die Kulturtechnik, die möglichst schnell von einer Information zur nächsten springen will, ist manchmal ganz leicht zu verwechseln mit der unkonzentrierten Unruhe, die man bei jedem „Zappelphilipp“ gerne abtrainieren würde. Überall gleichzeitig sein wollen: Wer das will, merkt, dass es nicht funktioniert. Der sechste Impuls bietet als Gegengewicht gewissermaßen die „Langversion“ der Konzentration.

Sehnsuchtsorte: Wir finden sie möglicherweise auf unseren Reisen als Orte, an die wir gerne immer wieder zurückkehren möchten. Sehnsuchtsorte finden wir vielleicht auch in der Geschichte unseres Lebens. Der siebte und letzte Impuls begleitet eine solche Sehnsucht – und sucht danach, was hinter ihr verborgen ist.

1. Licht-Neid

"Ihr seid das Licht der Welt." Jesus redet so seine Jünger an. Euer Licht soll vor der Welt leuchten. Versteckt es nicht.

Am ersten Fastensonntag ist es wieder soweit. Dann brennt das Hutzelfeuer. Auf jedem Hügel, an jedem Dorfrand. In der Rhön ist Hutzelsonntag. Haufenweise alte Weihnachtsbäume werden aufgeschichtet, dazu Reisig und alte Paletten. Der Ehrgeiz jedes Dorfes ist, das größte und schönste und am längsten brennende Hutzelfeuer anzuzünden. Ganz oben: Die Hutzel, die Winterfigur, die verbrannt wird, damit das Frühjahr kommen kann.

Wenn man einen guten Aussichtspunkt hat, dann kann man die Feuer weit sehen, über das ganze Land verteilt. Oder besser: Früher konnte man sie richtig gut sehen. Weil früher eben alles besser war und die Hutzelfeuer heller? Nicht ganz. Aber die „Lichtverschmutzung“ macht den Hutzelfeuern zu schaffen: Straßenbeleuchtungen und überhaupt viel zu viel Licht überall machen den Feuern Konkurrenz. Und seitdem an fast jedem Ortsrand ein Gewerbegebiet steht, das mit Leuchtreklamen das Seine dazu beiträgt, leuchten die Hutzelfeuer eher als bescheidene Dekoration durch die Lande.

„Ihr seid das Licht der Welt“. Jesus redet so seine Jünger an. Euer Licht soll vor der Welt leuchten. Versteckt es nicht. Das heißt: Verhaltet euch so, dass ihr mit eurem Licht für die Welt erkennbar und weit sichtbar seid. Und was ist, wenn es schon überall hell ist? Wenn es überall leuchtet, was mache ich dann? So ungefähr fühlen sich Kirche und Christentum in der Gesellschaft heute: nämlich, dass sie etwas auf verlorenem Posten stehen. Dass sie unerkennbar werden. Dass sie nicht mehr wahrgenommen werden auf dem vielfältigen Markt der Weltanschauungen und Lebensbewältigungsangebote. Es ist so, als ob das Feuer neidisch wäre auf die schicke LED-und Neon-Beleuchtung.

Aber ganz im Ernst: Wird mein eigenes Licht dunkler, wenn mein Nachbar auch eins hat? Wird meine Liebe weniger, wenn ein anderer auch liebt? Wird mein Geschenk weniger wert, wenn ein anderer etwas schenkt? Wird mein Lied leiser, wenn eine andere Stimme es auch singt? Hat mein Champagner weniger Perlen, wenn der Nachbar auch welchen hat? Lass dein Licht leuchten vor der Welt. Und sei nicht neidisch auf anderes Licht. Dein eigenes ist das, was zählt.

Dr. Peter-Felix Ruelius

2. Reisende oder Mitreisende?

Wenn wir anfangen, höflich zu sein, dem anderen seinen Platz zubilligen, daraus könnte doch Liebe entstehen.

Was für eine schöne Zugfahrt. Am Anfang jedenfalls. Ich habe eine längere Fahrt vor mir und finde noch ein freies Abteil. Genial. Die Tasche kommt auf den Sitz neben mir, die Zeitung hat Platz auf dem Sitz gegenüber. Mein kleines Reich. Ich bin für mich.

Ein Bahnhof weiter. Ein zweiter Reisender steigt ein. Für uns beide ist immer noch so viel Platz, dass keiner den anderen stört und jeder bequem seine Beine ausstrecken kann. Nächster Halt. Der Bahnsteig ist voller Leute. Der Zug füllt sich. Ich muss meine Tasche vom Nebensitz nehmen und meine Beine etwas anziehen: Das Zugabteil ist jetzt voll besetzt. Und ich bemerke, dass sich ein leichter Unmut breit bei mir macht. „Mein“ Abteil muss ich jetzt teilen. Die „Neuen“ sind so etwas wie Eindringlinge. Ich heiße sie nicht willkommen. Und das, obwohl mir ja klar ist, dass Sitzplätze im Abteil zum Sitzen da sind.

Ich habe es in der Hand, ob aus dem, der ankommt, ein Mitreisender wird. Durch eine winzige Geste, einen Blick.

Anderer Kontext – gleiches Thema: Vor mehr als vierzig Jahren hatten sich Vertreter verschiedener Religionen in Zürich getroffen. Das war damals noch keine Selbstverständlichkeit. Der jüdische Gelehrte Friedrich Weinreb und der große katholische Theologe Karl Rahner gehörten zu den Teilnehmern. Rahner war skeptisch, ob aus einer rein höflichen Begegnung mehr werden kann. Friedrich Weinreb erwiderte ihm: „Wenn wir anfangen, höflich zu sein, dem anderen seinen Platz zubilligen, daraus könnte doch Liebe entstehen. Nur die Liebe zum unbekannten Gott kann uns alle vereinen. Liebe ist mehr als Philosophie. Mit Rechthaben kommen nur Aggressionen. Der Respekt vor dem Nächsten kann zur Liebe werden.“ Von Karl Rahner kommt dann die schöne Antwort: „Ja, man hat nur Recht im Lieben. Sogar den Fremden. Ich rede noch nicht einmal vom Feind. Im Lieben erkennen wir uns – jeder bleibt, wer er ist. Ihn so lieben zu können ist möglich.“

Mein Zugabteil. Mein Land. Meine Stadt. Meine Straße. Mein Büro. Ich habe es in der Hand, ob aus Menschen, die einen Platz suchen, meine Mitreisenden werden.

Dr. Peter-Felix Ruelius

3. Sonntagsduft

Der Geruchssinn ist der einzige der menschlichen Sinne, der nicht am Sündenfall beteiligt war. Einzig die Nase war unschuldig – und ist daher in der Lage, durch den Duft, den sie wahrnimmt, den Menschen zu trösten.

Hat der Sonntag einen Geruch? Vielleicht nach gutem Essen oder Kuchen oder nach einem Glas Wein am Abend, nach Parfum oder nach der frischen Luft von Feld oder Wald oder Garten? Was für eine Frage am Mittwoch! Vielleicht genau die richtige.

Im Judentum gibt es einen schönen Brauch. Dieser Brauch schließt den Sabbat, den jüdischen Feiertag jeder Woche, ab. Eine Büchse mit duftenden Kräutern wird geöffnet und man riecht daran, atmet den Geruch dieser Kräuter ein, um den Wohlgeruch dieses Tages mitzunehmen in die Woche. Die Erklärungen, die es dazu gibt, sagen: Dieser Brauch dient dazu, die Traurigkeit etwas abzumildern, die mit dem Abschied vom Sabbat verbunden ist. Denn der Sabbat ist das wöchentliche Bild der Vollkommenheit, des guten und erfüllten Lebens. Warum ausgerechnet der flüchtige Duft von Kräutern diese Aufgabe übernehmen soll, ist nicht ganz eindeutig. Eine Erklärung sagt, dass der Geruchssinn der einzige der menschlichen Sinne ist, der nicht am Sündenfall beteiligt war. Denn Hören und Sehen, Greifen und Schmecken: All das spielt in der biblischen Erzählung von der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis eine Rolle. Einzig die Nase war unschuldig – und ist daher in der Lage, durch den Duft, den sie wahrnimmt, den Menschen zu trösten.

Was für eine schöne Idee – und wie nachvollziehbar! Schöne Gerüche und Düfte spielen für den Gefühlshaushalt der meisten Menschen eine erhebliche Rolle. Die (Wieder-) Entdeckung in der Aromatherapie kennt diesen Zusammenhang und nutzt ihn.

Man könnte es ja ausprobieren: Wenn der Alltagsgeruch am Montag schon anfängt, alles zu überlagern, das Gemisch aus Abgas, abgestandener Büroluft oder was auch immer – oder wenn es mir aus einem anderen Grund gerade richtig stinkt – dann könnte ich mich ja an den Geruch des Sonntags zu erinnern versuchen. Oder ganz bewusst an jedem Sonntag einen Duft tief einatmen. Und dann, wenn die Woche anstrengend wird, mein Duftgedächtnis aktivieren. Damit die Woche wieder eine Ahnung davon bekommt, wofür sie da ist.

Dr. Peter-Felix Ruelius

4. Weitersagen. Ausprobieren. Leben.

Gerade wenn’s kompliziert wird, kann ich dem Gedanken etwas abgewinnen, dass es ein paar wenige, griffige Formeln gibt, die das Leben gelingen lassen oder wenigstens etwas leichter machen.

Es ist ein paar Wochen her, da landete als Anhang einer Rundmail ein Text bei mir, den ich vor längerer Zeit schon einmal gelesen hatte: „Sieben kleine Anweisungen zum Leben“. Gerade wenn’s kompliziert wird, kann ich dem Gedanken etwas abgewinnen, dass es ein paar wenige, griffige Formeln gibt, die das Leben gelingen lassen oder wenigstens etwas leichter machen. Hier also der Text:

  1. Mach aus der ängstlichen Sorge um morgen die behutsame Fürsorge für heute.
  2. Vergleiche dich nicht mit anderen, es bedeutet sinnloses Leiden. Jeder Mensch ist unvergleichlich. Darum brauchen wir niemanden zu beneiden oder verachten.
  3. Plane deine Zeit, aber lass Freiräume für Überraschungen. Nimm Menschen stets wichtiger als Dinge. Wer liebt, hat Zeit!
  4. Ärgere dich nicht über andere. Wer sich über andere aufregt, büßt ihre Sünden. Nur wer liebt und vergibt, kann Menschen verändern.
  5. Teile gern mit anderen. Teilen vermehrt das Lebenskapital. Und die Vermehrung des Lebens beginnt immer mit dem Opfer.
  6. Vergiss die Freude nicht. Suche bewusst die kleinen und großen Anlässe zur Freude bei dir und anderen.
  7. Beginne den Tag mit einem Gespräch mit Gott. Danke, klage, bitte, singe, aber rede mit ihm. Er wartet schon auf dich.

Natürlich weiß ich, dass das Leben viel komplizierter ist und sich nicht mit ein paar einfachen Regeln bewältigen oder gestalten lässt. Aber ich mache ein Gedankenexperiment: Wenn sich sagen wir mal 80 Prozent der Menschen, die ich kenne und mit denen ich zu tun habe (mich selbst natürlich eingeschlossen), für eine Woche danach richten würden: Ich denke, das würde ich schon merken. Wer es noch einfacher mag, kann sich ja aus den sieben kleinen Anweisungen eine einzige aussuchen und damit probeweise einmal ein paar Tage leben. Meinen persönlichen Favoriten habe ich schon.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Die „sieben kleinen Anweisungen zum Leben“ sind entnommen aus: aus: Axel Kühner: Hoffen wir das Beste,
Aussaat-Verlag, Neukirchen-Vluyn. Viele Texte von Axel Kühner kann man nachlesen auf der Seite: www.miriam-stiftung.de/

5. Hinschauen? Wegschauen?

Es gehört zur Welt, dass manchmal die Dinge nicht so sind, wie ich meine, dass sie sein sollen. Nicht immer kann und muss ich eingreifen.

Eine Tagung. Einer der Teilnehmer steht auf, weil er ein Projekt vorstellen will. Als er aufsteht, stößt er mit dem Fuß die Wasserflasche um, die neben seinem Stuhl auf dem Boden steht. Auf dem Holzboden breitet sich eine große Pfütze aus. Das langsam ins Holz einziehende Mineralwasser nimmt meine Aufmerksamkeit gefangen. Nebenbei gesagt – das war allemal interessanter als der Vortrag. Und noch interessanter war das innere Zwiegespräch in mir.


1. Stimme: Wasser auf dem Holzboden. Ganz blöd. Muss man eigentlich sofort aufwischen.
2. Stimme: Aber nicht schon wieder du.
1. Stimme: Auf dem Flur war doch vorhin der Kaffee aufgebaut. Da gibt’s doch bestimmt Servietten.
2. Stimme: Mag sein. Dann wird ja jemand rausgehen können, der näher an der Tür sitzt.
1. Stimme: Wenn es aber außer mir niemand mitgekriegt hat?
2. Stimme: Hat es aber. Das Klirren der Flasche haben die anderen doch auch gehört. Bleib doch einfach mal sitzen und fühl dich nicht immer für jede Wasserpfütze zuständig.
1. Stimme: Pah. Wenn jeder so denken würde.
2. Stimme: Keine Sorge. Denkt ja nicht jeder so.
1. Stimme: Toll. Und der Boden? Da muss man doch drauf achten.
2. Stimme: Ich denke mal, dieser Saal wird schon so einiges erlebt haben. Der hält das wahrscheinlich aus.
1. Stimme: Hmmm.

Das Ende vom Lied: Ich bleibe sitzen. Die zweite Stimme hat gesiegt. War nicht einfach. Und ich erlebe wieder einmal das spannende Spiel der Balance zwischen Hilfsbereitschaft, Wichtigtuerei, Zurückhaltung und Gelassenheit, das oft so schwer fällt.

Es gehört zur Welt, dass manchmal die Dinge nicht so sind, wie ich meine, dass sie sein sollen. Nicht immer kann und muss ich eingreifen. „Alles sehen, vieles übersehen, wenig korrigieren.“ Johannes XXIII. hat sich diese Maxime zu eigen gemacht. Ziemlich mutig für einen Papst. Und gar nicht so einfach. Aber ganz schön klug.

Dr. Peter-Felix Ruelius

6. Zappen oder bleiben?

Ruhige Aufmerksamkeit: Das ist wahrscheinlich eines der gefährdetsten Güter unserer Zeit.

Zuerst tauchte das Zappen in der Science-Fiction auf: Da war es noch ganz schön grausam. Zappen hieß da: jemanden mit einem futuristischen Strahlengewehr oder einer Laserkanone oder sonst einer Science-Fiction-Waffe einfach ausschalten. Anvisieren. Auslösen. Zap! Der Gegner ist erledigt.

Heute werden keine Feinde mehr weggezappt, sondern höchstens langweilige Nachrichtensprecher, öde Unterhaltung, nervige Werbung. Zap. Weg damit: Und ich bin beim nächsten Programm. Zap. Wieder eins weiter. Damit was passiert. Damit etwas auftaucht, das mir gefällt. Das meine Nerven kitzelt. Und weil Dinge ja meistens auftauchen, wenn sie in ihre Zeit passen, ist das Zappen auch ein ganz guter Indikator für viele Bereiche des Lebens. Ich kenne Gesprächspartner, die machen den Eindruck, als würden sie am liebsten ständig weiterzappen: zum nächsten Thema, zum nächsten Gespräch. Ruhige Aufmerksamkeit: Das ist wahrscheinlich eines der gefährdetsten Güter unserer Zeit.

Die Bibel erzählt von einer der schönsten und langsamsten Begegnungen, die ich kenne. Sie ist mein Bild für das Anti-Zapping schlechthin. Als Hiob, der Mann, der kaum fassbares Leid erfahren hat, ganz am Ende ist, besuchen ihn drei Freunde. Sie sind entsetzt, als sie ihren Freund sehen. So elend sieht er aus. Und dann schreibt die Bibel: Sie saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte; keiner sprach ein Wort zu ihm. Denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr groß war. Hiobs Freunde bleiben. Sie fliehen nicht in etwas, das sie ablenkt. Sie schweigen. Sammeln sich und sammeln ihre Gedanken. Für eine lange Zeit. Das Bleiben ist ihr wertvollstes Geschenk an ihren Freund. Bleiben und schweigen.

Es wird mir nie gelingen, meine Aufmerksamkeit so lange zu sammeln. Aber für die Dauer eines Gesprächs, für die Zeit einer Begegnung, das kann funktionieren. Damit das Zappen nicht den Rhythmus angibt, der das Leben bestimmt.

Dr. Peter-Felix Ruelius

7. Sehnsucht nach Leben

Hier werde ich immer wieder so glücklich sein können wie jetzt.

Da war er einmal richtig glücklich, erinnert sich der Philosoph und Schriftsteller Coen Simon, auf einer Lichtung, die er als Kind entdeckt hat. In einem Augenblick bekam er einen unvergesslichen Eindruck einer vollkommenen, fast heiligen Landschaft. Etwas war in seiner Vorstellungswelt auf einmal anders geworden, hatte sich plötzlich konzentriert: Es gab einen unversehrten Ort, an dem er Glück, Zufriedenheit, Einheit erleben konnte.

Die Sehnsucht nach diesem Ort blieb. Viele Jahre später geht Simon diesem Erlebnis auf den Grund. Was er dabei entdeckt, kann man vereinfacht so beschreiben: Die Sehnsucht nach einer bestimmten Landschaft ist, so sagt er, gar nicht die Sehnsucht nach den Bäumen oder dem Gras oder den Blumen oder dem Zusammenspiel von Licht und Schatten, sondern die Sehnsucht nach dem Glück, das wir einst empfunden haben. Entdeckt man voller Glück und Zufriedenheit einen wunderbaren Ort, einen besonderen Platz, dann ist der Satz, der dazugehört: „Hier werde ich immer wieder so glücklich sein können wie jetzt.“

Als erwachsener Mann sucht Coen Simon noch einmal nach der Lichtung aus Kindertagen. Er findet sie nicht. Aber die Sehnsucht nach ihr ist geblieben. Ein geistiges Heimweh.

Mit dem Blick auf Ostern lese ich in einem Gedicht des Dichters Andreas Knapp:

sterben möchte ich

lebenshungrig

krank vor sehnsucht

an lauter heimweh

nach IHM.¹

Irgendwo, irgendwann, ist in unser Herz ein Bild, ein Eindruck, eine Sehnsucht eingepflanzt worden, die wohl über alle Bilder von Landschaften, von Orten und Begegnungen hinausreicht. In diesem Moment sind wir Glückssucher geworden. Lebenssucher. Ostern erinnert uns daran. Es weckt unsere Sehnsucht und will nichts weniger sein als die Garantie: UnsereSehnsucht nach Leben und aller Lebenshunger und alles große Heimweh haben recht.

Dr. Peter-Felix Ruelius

¹ Andreas Knapp, Gedicht: Todesursachen, in: Weiter als der Horizont, Echter Verlag Würzburg, 2002, 8. Aufl. 2015, S.17

Impulstexte 2016

Überblick: 7 Impulse für 7 Wochen Fastenzeit

Im weitesten Sinn ging es bei den Fastenimpulsen im Jahr 2016 um die Suche nach Schätzen oder nach den Reichtümern, von denen unser Leben geprägt und umgeben ist. Den Auftakt macht eine Überlegung, wo eigentlich der richtige Ort ist, um Schätze zu suchen – und wonach es sich zu suchen lohnt.

Der zweite Impuls hat auf den ersten Blick nichts mit Fasten zu tun. Oder doch – wenn mit Fasten auch der Verzicht auf Enge und ihre Überwindung gemeint ist: Dann kann Fasten zum Fest werden.

Wann hat man eigentlich die besten Ideen? Oft zu spät! Der dritte Impuls unterscheidet zwischen Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart – und hält ein deutliches Plädoyer für die Geistesgegenwart.

Für den vierten Impuls ist kaltes und nasses Wetter, das einen leider allzu oft durch die Wochen der Fastenzeit begleitet, die richtige Zutat; den Grundgedanken kann man allerdings getrost auch in Tage mit Sonnenschein mitnehmen.

Der vierte Fastensonntag ist der Sonntag „Laetare“, übersetzt: „Freue Dich“. Woran? Das Leben gibt zahlreiche Anlässe. Notwendig dazu: Entdeckerfreude und eine Haltung, die im Kleinen das Wesentliche erkennen will. Dieser Spur folgt der fünfte Impuls.

Der sechste Impuls lenkt den Blick auf eine sehr barmherzige Seite unserer biologischen Ausstattung – wichtig in einer Zeit, die uns mit Informationen, Eindrücken, Anregungen nur so überschüttet. Es ist ein Lob auf das Vergessen.

Der letzte Impuls der Reihe der Fastenimpulse 2016 lädt dazu ein, Menschen ganz einfach Menschen sein zu lassen. Und das ist dort besonders anspruchsvoll, wo wir lieben und anderen Menschen mit hohen, teilweise höchsten Erwartungen konfrontieren.

1. Nie genug: Schätze aus dem Himmel holen

Gott sei Dank bekommen die Menschen nie genug. Sie sind in ihrer Sehnsucht unendlich. Sie sind geschaffen für den Blick in den Himmel.

Viele haben die Meldung gar nicht mitbekommen: Der US-Kongress hat im letzten November ein Gesetz verabschiedet, das regelt, wie man mit wertvollen Bodenschätzen aus dem All umgehen soll. Jeder Amerikaner, der mit einer Lizenz des Verkehrsministeriums und der NASA ins All fliegt, um dort Bergbau zu betreiben und Bodenschätze abzubauen, der darf das tun. Und wer dort etwas Brauchbares findet, darf es behalten, nutzen oder veräußern.

Auf den ersten Blick: Eine komische Idee. Wie kommt eine Nation darauf, Dinge zuzuteilen, die ihr nicht gehören? Wer kann überhaupt Rechte vergeben zur Nutzung von Planeten, die Lichtjahre entfernt sind?

Ein zweiter Blick: Die Schätze aus dem Himmel holen – ja, so sind die Menschen! Sie verwerten alles was brauchbar ist, was man profitabel nutzen und vermarkten kann. Selbst wenn man es aus dem Himmel holen muss. Kriegen sie nie genug?

Nein, Menschen bekommen wirklich nie genug. Gott sei Dank bekommen die Menschen nie genug. Sie sind in ihrer Sehnsucht unendlich. Sie sind geschaffen für den Blick in den Himmel. „Alles beginnt mit der Sehnsucht“ schreibt Nelly Sachs. Alles: auch die Arbeit des Verstandes, der immer weiter will und immer weiter kommt. Eben bis dahin, dass er Schätze aus dem Himmel holen will. Weil der Geist des Menschen ins Grenzenlose geht, kann er gar nicht anders.

Schätze aus dem Himmel holen – das ist schon in Ordnung: Aber doch bitte nicht schon wieder Erdenkrempel, Material, Rohstoffe, Bodenschätze. Menschen-Sehnsucht geht doch weiter als bis zu seltenen Mineralien. Sie sucht Segen und Glück. Und Leben in Fülle. Die Sehnsucht kann nur finden, was ihr entspricht, wenn sie nicht wieder mit Endlichkeit zugeschüttet wird.

Die Fastenzeit, die am Aschermittwoch beginnt, kann in diesem Sinne eine Zeit der Schatzsuche sein, eine Zeit, die so richtig Lust machen soll. Lust auf die großen Schätze, die man aus dem Himmel holen kann und eine Zeit, in der die Sehnsucht groß wird.

Dr. Peter-Felix Ruelius

2. Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge

Das große Herz oder die Großherzigkeit bleibt selten wirkungslos. Ein großes Herz steckt an. Ein großes Herz schafft es, andere aus der Enge des Lebens zu führen.

In einem kleinen dänischen Dorf leben im 19. Jahrhundert zwei Schwestern. Ihr Vater, ein frommer und strenger Pastor, der Gründer der Gemeinde, hatte bereits früh dafür gesorgt, dass die beiden Mädchen vor allem eines werden: fromm, sittenstreng und enthaltsam. So blieben sie allein, bis der Vater starb und sie selbst alt und säuerlich wurden.

Eine junge Köchin, Babette, kommt in die Gemeinde. Sie ist auf der Flucht und will nichts weiter als Sicherheit und ein Dach über dem Kopf. Als Gegenleistung wird sie für die beiden Schwestern kochen. Das Wunder beginnt, als Babette in einer Lotterie die sagenhafte Summe von 10.000 Francs gewinnt. Und was macht sie? Sie will für die Gemeinde ein Festmahl ausrichten. Den beiden Schwestern und den übrigen Bewohnern des Dorfes ist das unheimlich, erst recht als sie sehen, was Babette von überall her anliefern lässt: nur das Beste. Schließlich, so erfährt man nun, war sie in Paris eine der besten Köchinnen überhaupt. Es wird ein Festmahl, wie man es hier noch nie erlebt hat. Die Dorfbewohner allerdings sind nur widerstrebend bereit, sich darauf einzulassen. Sie verabreden, sich keinen Genuss anmerken zu lassen. Ihre strenge Lebensführung geht ihnen über alles.

Doch ganz langsam erwachen sie dann doch aus ihrer Starre, lassen sich anrühren, werden leicht, erinnern sich an ihr Leben und an ihre Wünsche. Sie können genießen. Und ihr Herz wird weit.

Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche heißt: „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“. Durch dieses Motto erinnere ich mich an den Film „Babettes Fest“ aus den achtziger Jahren. Eine unerträgliche Enge wird überwunden. Babette schenkt mit ihrem großen Herzen den anderen einfach ein grandioses Fest. Der Clou dieses Fastenmottos ist: Das große Herz oder die Großherzigkeit bleibt selten wirkungslos. Ein großes Herz steckt an. Ein großes Herz schafft es, andere aus der Enge des Lebens zu führen. Ich kann es auf
den Versuch ankommen lassen, meiner eigenen Großherzigkeit ein wenig freien Lauf zu lassen. Und bin neugierig, was dann passiert.

Dr. Peter-Felix Ruelius

3. Der Geist auf der Treppe – oder der Geist im Herzen

Der Geist Gottes bringt mich in Verbindung zu dem, was für mich und für meine Seele wichtig ist.

Es war eine ziemlich gute Präsentation. Und die neue Mitarbeiterin hatte sich wirklich gut geschlagen. Hatte auch auf Nachfragen Richtiges und Gutes sagen können. Die Fakten waren gut recherchiert, ihre Schlussfolgerungen sinnvoll. Also: alles in Ordnung. Wenn nicht – ja wenn ihr nicht drei Minuten nach ihrem Auftritt noch ein ganz hervorragendes Argument in den Sinn gekommen wäre. Sie war verärgert. „Das hätte mir ja wirklich auch vor fünf Minuten schon einfallen können! Zu blöd!“

Franzosen haben für diese Situation ein eigenes Wort: „Esprit d’escalier“, wörtlich: „Treppen-Geist“ – der Geist hier verstanden als Inspiration oder Einfall. Der französische Dichter Diderot hat dieses Wort einmal geprägt. Die Inspiration, so sagt er, hat der Komödiant dann, wenn er die Treppe hinuntergeht, die ihn von der Bühne führt. So richtig ins Deutsche lässt sich das nicht übersetzen. Aber es trifft genau das Gemeinte: Wenn man gerade den Gesprächspartner verlassen hat und genau dann den richtigen Einfall, die zündende Idee hat. Eben: nach einer Diskussion, nach einem Streit, vielleicht auch nach einem Bewerbungsgespräch oder nach schwierigen Verhandlungen.

Ich bin mittlerweile etwas gelassener geworden. Das Richtige zu sagen ist vielleicht weniger eine Frage der Schlagfertigkeit als der Geistesgegenwart. Christlich gesprochen: eine Sache der Gegenwart des Geistes Gottes. Und das erste, was der Geist Gottes macht: Er bringt mich in Verbindung zu dem, was für mich und für meine Seele wichtig ist. Und er macht ruhig. Wenn ich mich dieser Gegenwart öffne, ist die Ruhe des Herzens meistens ein guter Indikator für diese Geistesgegenwart. Das ist kein Augenblickserfolg, sondern eine ruhige Gegenwart bei mir selbst und bei allem, was entscheidend ist. Wenn ich bei mir selbst und meinem Wichtigen zu Hause bin, dann werde ich das Wichtige und Richtige sagen können. Das ist die beste Vorbereitung für jedes Gespräch, für jeden entscheidenden Moment. Der Heilige Geist: Er ist weniger der Geist auf der Treppe als der Geist im Herzen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

4. Hühnersuppentag – oder wie ist Gott?

Ein Hühnersuppentag ist einer, an dem es mir nicht so gut geht. An dem ich einfach kaputt bin. Ein Tag, der ungemütlich ist. Ungemütlich draußen und ungemütlich in mir selbst. An solchen Tagen gibt es Hühnersuppe.

„Was hast du eigentlich für Bilder vor Augen, wenn Du an Gott denkst?“ Die Frage ist einigermaßen überraschend. Oder auch nicht. Warum sollte man jemanden, der Theologie studiert hat und immer mit diesen Themen zu tun hatte, so etwas nicht fragen? Ich selbst habe mich das so deutlich lange nicht gefragt.

„Was hast du eigentlich für Bilder vor Augen, wenn du an Gott denkst?“ Ich kann in dem Moment, in dem ich gefragt werde, keine richtige Antwort geben. Aber dann gehe ich auf die Suche. Und ich finde keine Bilder, sondern etwas, das aus Bildern, Gefühlen und Stimmungen, aus Erlebnissen und Erfahrungen gemischt ist. Aus all dem setzt sich etwas zusammen, was dem Gedanken nahekommt: Ja, so müsste er sein.

Eine meiner Lieblingsmischungen, um etwas davon zu ahnen, wie Gott ist, das ist ein Hühnersuppentag. Ein Hühnersuppentag ist einer, an dem es mir nicht so gut geht. An dem ich einfach kaputt bin. Ein Tag, der ungemütlich ist. Ungemütlich draußen und ungemütlich in mir selbst. An solchen Tagen gibt es Hühnersuppe. So eine richtig gute. Selbstgemacht und richtig heiß. Und dann: eine warme Wolldecke über die Schultern und einfach nur Ruhe haben. Nichts machen, nichts erreichen, nichts vollbringen. Und wissen, dass jetzt Zeit ist,
wieder Kräfte zu sammeln. Es wird wieder gut. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Meine Hühnersuppe ist schließlich nicht der Zaubertrank von Miraculix. Aber so im Großen und Ganzen sind meine Hühnersuppentage Inseln von Geborgenheit und Trost und Stärkung.

Und das hat mit Gott zu tun? Ja, weil das der Ausdruck ist, den mein persönlicher Glaube finden kann, zusammengesetzt aus der Vielfalt meines Lebens. Jeder hat andere Bilder und Eindrücke, die zu tun haben mit Sehnsucht, mit Trost, mit Freude, mit Dank, mit Geborgensein oder mit der Lust auf Leben. Alles kann drin sein. Mit Gott leben heißt: Diesen Reichtum des eigenen Lebens erkennen, auskosten und verstehen, wie vielfältig Gott auch für mich ist. Die Stellen, an denen ich etwas von ihm ahnen kann, sind unvorstellbar viele.

Dr. Peter-Felix Ruelius

5. Alles ist Windhauch – oder doch nicht?

Alles ist wichtig, verdient unsere Aufmerksamkeit und ist ein wunderbarer Teil des Lebens.

Ein Konzert auf der Abschieds-Tournee von Juliette Gréco, die mit fast 89 Jahren noch einmal auf der Bühne steht. Juliette Gréco: Das ist die große alte Dame des französischen Chansons. Sie ist wie eine Botin aus einer anderen Zeit. Als die Filme noch in schwarz-weiß gedreht wurden. Und es eben Chansons gab. Die Älteren erinnern sich.

Eines der Chansons bleibt mir ganz besonders im Gedächtnis. Es ist voller Lebenslust. Da heißt es: „Weder schönes noch schlechtes Wetter, weder der Duft des Ozeans noch der Wind, der über ein Weizenfeld streicht: nichts davon ist Eitelkeit. Nicht die warme Haut des Liebhabers noch der Glanz der untergehenden Sonne, noch die Wohltat eines kühlen Weins: Nichts ist Eitelkeit.“

Bibelfeste haben die ersten Zeilen aus dem Buch Kohelet im Kopf, in den evangelischen Bibelausgaben heißt er der Prediger Salomos: „Alles ist eitel, alles ist Windhauch“. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Seine pessimistische Sicht umfasst das Tun der Menschen und die Weltgeschichte im Ganzen. Nirgendwo ist wirklich Glück zu finden. Am Ende steht für Kohelet immer das ernüchternde Fazit: Es ist doch alles Windhauch. Alles eitel. Alles unerheblich. Alles belanglos.

Juliette Gréco nennt ihr Lied ausdrücklich: den Gegen-Kohelet, oder, wie das Buch in der französischen Bibel heißt: Contre-Ecclésiaste: „Weder die Ängstlichkeit eines Kindes, noch das Lächeln von einem, der vorübergeht, auch nicht der Duft eines Fremden: Nichts davon ist Eitelkeit.“ Alles, alles, so singt sie, ist wichtig, verdient unsere Aufmerksamkeit und ist ein wunderbarer Teil des Lebens.

Ist hier jemandem vor lauter Optimismus die rosa Brille fest auf die Nase gewachsen? Nein: Auch in dem Chanson gibt es das, was eitel, vergänglich, schädlich ist: Das Wegschauen, die Arroganz, die Grausamkeit, die Verbitterung der Abgestumpften, das Sterben der Schönheit und der Verrat an der Wahrheit. All das ist wirklich eitel, vergänglich und so, dass man es getrost vergessen darf. Doch der große Rest: Lebensreichtum. Keine Eitelkeit, kein Windhauch.

Dr. Peter-Felix Ruelius

6. Barmherziges Vergessen

Dinge vergessen zu können ist eine Gabe, die uns das Leben erst ermöglicht.

Was für eine Ironie: Der Mann, der nichts vergessen konnte, ist heute ziemlich vergessen: Oder können Sie mit dem Namen Schereschewski auf Anhieb etwas anfangen? Solomon Weniaminowitsch Schereschewski starb vor rund sechzig Jahren als ein ziemlich gebrochener Mensch – und dabei hatte er doch eine wunderbare Gabe: Er besaß ein verblüffendes Gedächtnis.

Ein Psychologe wird früh auf ihn aufmerksam und testet ihn mit immer größeren Mengen von Fakten, zusammenhanglosen Zahlenreihen, Formeln und Wörtern. Niemals vergisst Schereschewski etwas. Das macht ihn zum bewunderten Gedächtniskünstler. Aber seine besondere Gabe macht ihn nicht glücklich im Leben. Denn was er nicht kann: Vergessen. Weil alles in gleicher Weise gegenwärtig ist, kann er nicht unterscheiden zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen. Sein Gehirn gleicht einem Archiv, das er nie schließen kann und das ihm ungefragt alles ohne Unterschied gleichzeitig zur Verfügung stellt. Wissen, Erinnerungen an Gutes ebenso wie an Schmerzvolles und an Verletzungen.

Auch wenn ich manchmal gerne ein besseres Gedächtnis hätte, bin ich froh, dass es das Vergessen gibt. Meiner Ansicht nach ist diese Ausstattung unseres Gehirns im Großen und Ganzen nicht nur eine gute ökonomische Einrichtung, sondern auch so etwas wie eine Form der Barmherzigkeit der Schöpfung gegenüber uns Menschen. Dinge vergessen zu können ist eine Gabe, die uns das Leben erst ermöglicht.

Und wenn man aktiv vergessen könnte, aktiv Dinge aus dem Speicher der Erinnerung werfen könnte? Der Apostel Paulus sagt es einmal so: „Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.“ Dieses Lebensprogramm kann ich in einen Bereich meines eigenen Lebens übersetzen. Dann wird es zu einer Übung der Barmherzigkeit. Und die könnte so aussehen: In den Beziehungen zu anderen Menschen das vergessen, was nicht so gut war. Es einfach liegen lassen und den Blick darauf richten, was in Zukunft an Gutem möglich sein wird. In neuen Begegnungen kann ich dem Neuen und Guten eine Chance geben.

Dr. Peter-Felix Ruelius

7. Lieben – geerdet.

Beziehungen zerbrechen oft nicht so sehr an dem zu geringen Maß an Liebe, sondern an ihren zu großen Erwartungen, zu großen Hoffnungen.

„Wer liebt, sucht im letzten einen Gott“. Roman Bleistein, der Theologe und Pädagoge, formuliert einen provokanten Satz. „Wer liebt, sucht im letzten einen Gott, das heißt einen, der ihn so erfüllt, dass weder Maß noch Grenze vorhanden sind: also Ewigkeit, Unendlichkeit. Der eine Mensch verheißt dem anderen eine solche Erfüllung. Welcher Mensch kann dafür einstehen?“

Wer liebt, kann den anderen vergöttern, kann im Augenblick des größten Verliebtseins und auch in der Dauer einer Beziehung sein ganzes Leben hineinwerfen in diese Beziehung. Er kann alles erwarten: die Erfüllung des Lebens und den Sinn des ganzen Daseins. Nein, das kann doch nicht sein, dass die Liebe nur so zum Leben dazukommt wie der Beruf oder die Heimat oder Freunde, die eine Zeitlang das Leben begleiten. Die Liebe muss doch das ganze Leben sein. Nie mehr allein sein, nie mehr verlassen werden. Das gilt umso mehr in einer Zeit, die nur mehr Wandel und Flexibilität kennen will.

Doch die Erfahrung ist: Beziehungen zerbrechen oft nicht so sehr an dem zu geringen Maß an Liebe, sondern an ihren zu großen Erwartungen, zu großen Hoffnungen. Die lasten dann auf dem Gegenüber wie ein viel zu voll gepackter Rucksack.

Bleistein rät zu einer Tugend: „Die erste Tugend der Liebe heißt: das Erbarmen. In ihm vergebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“: Das Wort, das Jesus sagt, schließt sich an eine merkwürdige Szene im Evangelium an. Am Gründonnerstag steht der Text im Mittelpunkt der Gottesdienste. Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Die wehren sich. So einen niedrigen Dienst wollen sie von ihrem Meister nicht akzeptieren. Aber es steckt Sinn dahinter. Wenn ich jemandem die Füße wasche, also im übertragenen Sinn den ganz alltäglichen, vielleicht auch uninteressanten, mühsamen Teil des Lebens mit ihm teile, seinen Staub und seine Narben, dann lasse ich ihn Mensch sein. Dann liebe ich als Mensch einen Menschen und lerne eine
Nähe, die buchstäblich geerdet ist.

Dr. Peter-Felix Ruelius

 

Pfingsten

Das Pfingstfest hat es mit dem Geist zu tun – und der ist unsichtbar. So drastisch wie in den Erzählungen der Bibel, mit Wind und Feuer, erlebt man ihn nicht. Aber Spuren des Geistes gibt es. Zu einer solchen Spurensuche laden die Impulse zum Pfingstfest ein.

Impulstexte

Erinnern oder vergessen? (2018)

Pfingsten ist ein Anstoß zum richtigen Vergessen und zum richtigen Erinnern: damit das Leben gut gelingt.

In einer weit entfernten, dunklen Zeit, über die wir heute so gut wie nichts wissen, spielt  Kazuo Ishiguros spannender Roman „Der begrabene Riese“. England im 5. Jahrhundert – eine Zeit der Bürgerkriege, Spaltungen, Grausamkeiten und Angst. Und zusätzlich bevölkern noch merkwürdige Gestalten den Roman: Drachen, Kobolde und Drachenhunde.


Über allem liegt ein Nebel – ausgeatmet von einem Drachen. Dieser Nebel löst bei den Menschen das Vergessen aus. Sie erinnern sich nicht mehr an die eigene Vergangenheit, und sie erinnern sich auch nicht mehr an die vergangenen Schlachten und Kriege. Das hat den Vorteil, dass sie auch die Rache vergessen haben. Sie leben mehr oder weniger friedlich miteinander. Allerdings haben sie auch ihre eigenen Lebensgeschichten weitgehend ver­gessen. Das wird dort tragisch, wo ein altes Ehepaar an einem Wendepunkt des Lebens noch einmal den Grund der gegenseitigen Liebe aufspüren will und muss.


Erinnern oder vergessen: Was ist der größere Segen? Wir gehen davon aus, dass die Erinne­rung, die aufrichtige Erinnerung, überhaupt erst eine gute Zukunft ermöglicht. Im Privaten ebenso wie im Politischen. Im Roman gerät diese Sicherheit ein bisschen ins Wanken: Denn es kann ja auch ein gnädiges Vergessen geben und Erinnerung kann auch schmerzhaft sein.


Was ist das Bessere? In der Bibel heißt es vom Heiligen Geist, dass er uns alles lehren und uns an alles erinnern wird, was Jesus selbst gesagt hat. Und: Der Heilige Geist heißt Beistand – für mich ein wunderbares Bild, weil der Heilige Geist als „Lehrer“ und „Erinnerer“ keine Gehirnwäsche vollzieht, sondern mir als freiem Mensch zur Seite steht. Ich selbst kann unterscheiden, was ich behalten muss und was ich vergessen darf. Und ab und zu habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein gutes und aktives Vergessen (ja, das geht!) dem Leben dien­licher sein kann als ein akribisches Gedächtnis. Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, ist ein
Anstoß zum richtigen Vergessen und zum richtigen Erinnern: damit das Leben gut gelingt.

Übrigens: Am Ende des Romans wird der Drache besiegt, so wie sich das gehört. Aber was dann daraus wird, kann hier natürlich nicht verraten werden. 


Dr. Peter-Felix Ruelius

Der Geist, die Freiheit und ein Vogel (2017)

Der Geist Gottes sortiert mich manchmal in die Welt ein. Und zwar so, dass ich mit den Grenzen, die mir gesetzt sind, weiterkomme.

Vielleicht aus Neugier, vielleicht aus Versehen: Neulich hat sich ein junger Vogel durch die offene Terrassentür in mein Wohnzimmer verirrt. Nach einer ersten Orientierung steuert er die höchsten Punkte im Raum an: die Vorhangschiene, einen Bilderrahmen, die Deckenleuchte.Sichtlich verwirrt fliegt und flattert er durch den Raum. Jedes Mal, wenn er wieder startet, kennt er nur eine Richtung: nach oben. Dumm nur, dass er hier nicht weiterkommt. Da ist ihm die Zimmerdecke im Weg. Auf die einfachste Lösung kommt er nicht: Den Weg durch die offene Terrassentür oder das offene Fenster findet er nicht. So dreht er Runde um Runde. Es kostet einige Tricks, bis ich ihn erfolgreich auf den Weg ins Freie bringen kann.

Seitdem ist der kleine Kerl für mich ein Experte in Sachen Freiheit. Warum konnte er so lange nicht nach draußen finden? Mir gefällt die philosophische Erklärung: Ihm fehlte das Bewusstseinfür eine Grenze über seinem Kopf. Er kannte das nicht: Einen nach oben abgeschlossenen Raum. Deswegen führte die einzige Bewegung, mit der er Freiheit finden wollte, an eine unüberwindbare Grenze. Seine Welt ist ja immer nach oben offen. Klar, dass er dann auch immer nach oben fliegt.

„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Über den Satz diskutiere ich mit Freunden, als wir vor einem kirchlichen Gemeindehaus stehen. Der Satz ist dort mit großen Buchstaben aufgemalt. Einer sagt: „Unsinn! Überall, wo man es mit dem Geist Gottes zu tun bekommt, wird man doch eingeschränkt“. Wenn ich den Geist Gottes richtig verstehe – in aller Bescheidenheit – dann denke ich, dass es anders ist. Der Geist Gottes sortiert mich manchmal in die Welt ein. Und zwar so, dass ich mit den Grenzen, die mir gesetzt sind, weiterkomme. Und da gibt es viele. Durch den Geist Gottes lerne ich, dass ich Freiheit im wirklichen Sinn dann finden kann, wenn ich sie dort suche, wo sie ist und nicht immer dort, wo ich sie mir vorstelle. Wenn ich ein Vogel wäre, hieße das: Akzeptieren, dass es Räume und Zimmerdecken gibt. Einmal horizontal fliegen und das eingespeicherte Programm kurz aufgeben. Das offene Fenster finden. Und dann auch die Freiheit.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Ein spiritueller Fußabdruck (2016)

Menschen, die vom Geist Gottes erfüllt sind, hinterlassen Spuren.

Zweieinhalb. Das ist ein ziemlich erschreckender Wert. In einem Test habe ich meinen „ökologischen Fußabdruck“ überprüft. Wenn jeder so leben würde wie ich, bräuchte die Menschheit ungefähr zweieinhalb Erden, um nachhaltig überleben zu können. Also: Mein Leben hinterlässt tatsächlich ganz schön deutliche Spuren. Spuren hinterlässt jeder Mensch. Unvermeidlich. Allein dadurch, dass er auf der Welt ist. In der Geschichte der Sprache wird das ganz augenfällig, weil das Wort „Spur“ ursprünglich den Fußabdruck meint. Der ökologische Fußabdruck ist nur eine moderne Ausprägung dieser alten Bedeutung.

Mit den Spuren hängt das Spüren zusammen. Spüren heißt: den Einfluss oder die Wirkung von jemandem oder etwas wahrnehmen. Und jetzt wird es interessant: Meinen ökologischen Fußabdruck zum Beispiel spürt ja niemand. Er ist erst einmal unsichtbar. Spare oder verschwende ich Energie, dann merke ich das zwar in meinem Geldbeutel, aber sonst nimmt diese Spuren erst einmal niemand wahr. Erst auf lange Sicht wird spürbar, wie sich mein Lebensstil auf die Umwelt auswirkt. Positiv oder negativ.

An Pfingsten feiert die Christenheit eine unsichtbare Spuren-Wirklichkeit. Der Geist Gottes hinterlässt keine sichtbaren Spuren. Niemand spürt seine Anwesenheit. Wer vom Geist Gottes geprägt ist, wird deswegen nicht auf einen Schlag besser, wird nicht zum Heiligen. Er wird nicht sichtbar fröhlicher oder enthusiastisch. Er bekommt keine Zauberkraft und kann nicht fliegen. Und die Welt retten kann er auch nicht. Doch Menschen, die vom Geist Gottes erfüllt sind, hinterlassen Spuren. Wenn es einmal gelingt, über den eigenen Schatten zu springen und einem Impuls zur Versöhnung zu folgen. Wenn einmal Großzügigkeit über den Geiz siegt. Wenn einmal, auch nur in einer Kleinigkeit, Wertschätzung anstelle von Geringschätzung gelingt. Auf lange Sicht entsteht dann so etwas wie ein spiritueller Fußabdruck. Vom Geist Gottes geprägt sein, das bedeutet, dieser Wirklichkeit zu trauen. Es bedeutet, um die gute Wirkung des Guten zu wissen. Und es bedeutet die unerschütterliche Hoffnung darauf, dass die Welt lebenswert für alle Menschen sein kann.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Übrigens: Für den spirituellen Fußabdruck habe ich kein Messinstrument gefunden, wer aber seinen ökologischen Fußabdruck ermitteln möchte, kann das hier tun: www.footprint-deutschland.de/

Der Geist der Ausdauer (2015)

Glaube heißt: ausdauernd unterwegs sein in dem, was man erhofft und von dem man überzeugt ist. Nicht nachlassen. Weiterlaufen.

Ausdauerndes Laufen ist die Art der Fortbewegung, die am meisten der menschlichen Natur entspricht. So hat sich der Mensch in den letzten vier Millionen Jahren entwickelt. Die großartige Dokumentation „The perfect runner“ des kanadischen Anthropologen und Filmemachers Niobe Thompson folgt dem Wunder des menschlichen Laufens: In Kanada, in Äthiopien und im Sibirien der Rentierzüchter. Als die Vorläufer der menschlichen Art auf ihre zwei Beine kamen, waren sie ziemlich verletzlich. Das Laufen auf zwei Beinen machte sie tatsächlich nicht schneller. Jeder Vierbeiner konnte sie überholen. Besonders stark waren sie auch nicht. Ihnen fehlte ganz schön viel, was sie zum Überleben gut hätten brauchen können. Aber eines waren sie: sie waren ausdauernd. Das war ihr Überlebensvorteil. Die frühen Menschen konnten lange laufen. So konnten sie auch Tiere jagen, die schneller waren als sie – aber eben nicht ausdauernd. Es ist faszinierend, diesen Spuren im Film zu folgen.

Es gibt Themen, Fragen und Probleme, die sind auf den ersten Blick so groß, dass die Kraft dafür nicht auszureichen scheint. Vielleicht hilft es dann, auf den „Ausdauer-Modus“ umzuschalten. Der Mensch: der Dauerläufer. Der Ausdauernde. Der nicht aufgibt, sondern dranbleibt.

Ein Pfingstimpuls? Ja. Denn an ganz vielen Stellen im Leben geht es nicht um den Hochsprung. Nicht um enorme Kraft. Nicht um Hochgeschwindigkeit. Sondern um Ausdauer. Der Geist Gottes verleiht nicht unbedingt Flügel. Aber er stärkt im ausdauernden Weiterlaufen. Ausdauernd bleibt der Mensch in Glaubensbewegung und in Lebensbewegung.

Der Brief an die Hebräer im Neuen Testament stellt Glaubensdauerläufer vor: Zum Beispiel Abraham, den großen Nomaden des Alten Testaments, der sich aufgemacht hat, aufgebrochen ist, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Und stets weiterlief. Ein Ausdauerläufer. Von einer Verheißung angetrieben und vom Geist gestärkt. „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft“, überschreibt der Brief an die Hebräer dieses Kapitel. Und ich möchte das weiter deuten: Glaube heißt: ausdauernd unterwegs sein in dem, was man erhofft und von dem man überzeugt ist. Nicht nachlassen. Weiterlaufen. Über Hindernisse und Umwege. Nicht mit unbändiger Kraft, aber mit der Ausdauer von Menschen, die zum Dauerlauf geboren sind.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Wer sich für das Laufen interessiert, kann hier fündig werden: theperfectrunner.com

Anwesend? Abwesend? (2014)

Der Geist Gottes ist einfach so da. Er wirkt im Hintergrund. Er trägt mich, auch wenn ich es nicht mitbekomme. Offline, gewissermaßen.

Ein Dialog unter Freunden: „Wo bist du denn? Ich hab schon drei Mal bei dir auf die Mailbox gesprochen. Warum gehst du nicht ran, wenn ich dich anrufe? Du antwortest seit Tagen auf keine SMS. Bei Dir zuhause geht auch nur der Anrufbeantworter ans Telefon. Meine E-Mail hätte ich mir auch sparen können. Da kam auch keine Reaktion. Wo bist du? Ich bin schon ganz unruhig. Geht’s Dir etwa nicht gut? Oder hab ich irgendwas falsch gemacht? Bist du sauer auf mich? Melde dich doch bitte mal. Melde dich doch!“

Drei lange Tage später kommt die Antwort: „Alles gut. Alles in Ordnung. Ich war ein paar Tage weg und hatte mein Ladekabel nicht dabei. Mein Akku war leer.“

„Gott sei Dank! Ich dachte schon, etwas wäre nicht in Ordnung!“

Viele haben sich schon so daran gewöhnt, immer präsent zu sein, dass sie das auch von allen anderen erwarten. So gibt es eine Verbundenheit in einem ständigen Netz aus kleinen Lebenszeichen und Bestätigungen: Bist du noch da? Du bist da, wenn du reagierst, wenn du meine Mails und SMS beantwortest. Wenn du sie schnell beantwortest. Wenn du ans Telefon gehst. Immer. Ich bin dir ja nur wichtig, wenn du für mich immer erreichbar bist und mich immer wieder mit dem digitalen Signal fütterst: Ich habe dich wahrgenommen.

Das andere ist dann schwer zu verstehen: Dass jemand da ist, wenn er nicht ständig erreichbar ist. Dass jemand auch für mich da ist, dass jemand mit mir verbunden ist, dass ich für jemanden wichtig bin, auch wenn ich das nicht ständig wahrnehmen, empfinden, hören oder lesen kann.

Wenn in der Kirche vom Heiligen Geist die Rede ist, dann ist so etwas damit gemeint: Vertrauen in Abwesenheit. Vertrauen ohne Signale. Getröstet sein ohne Schulterklopfen. Sicher sein ohne Netz und doppelten Boden. Verbundenheit, auch wenn man offline ist. Die Beziehung stimmt, auch dann, wenn ich nichts höre, nichts sehe, nichts lese. Das beruhigt mich. Jesus sagt einmal vom Heiligen Geist, dass er ein „anderer Beistand“ ist. Anders als die „Beistände“, deren ich mich immer vergewissern muss. Der Geist Gottes ist einfach so da. Er ist meine Beziehungsgarantie. Er ist die beruhigende und tröstende Zusage, dass Gott mit mir ist. Er wirkt im Hintergrund. Er trägt mich, auch wenn ich es nicht mitbekomme. Offline, gewissermaßen. Mit dem Heiligen Geist lernen heißt für mich glauben lernen, und das wiederum heißt auch: Gelassenheit lernen, den Menschen vertrauen, dem Leben vertrauen, auch dann, wenn es mir nicht jede Minute bestätigend entgegen kommt.

 

Sommerzeit

Mit den Sommerwochen nähern sich für viele – lange ersehnt – die Urlaubstage. Ob Zuhause oder Fernab verbracht, wir alle wünschen uns gerade dann Momente von Leichtigkeit und Freude. Die Sommerimpulse lenken unseren Blick darauf, was der Seele gut tut.

Impulstexte

Aus Sand gebaut (2017)

Ob etwas gelungen ist oder nicht - wir konnten immer wieder von vorne beginnen.

Ans Meer! Endlich wieder! Immer wieder! Ein winziges Detail hält mir über das Jahr die Erinnerung an die Sommerwochen wach. Denn es wird in meinem Auto noch lange nach dem Urlaub kleine Spuren von Sand geben. Ein bisschen Strand, den ich an meinen Füßen oder meiner Kleidung hatte, hat den Weg in mein Auto gefunden und taucht an mehr oder weniger verborgenen Stellen wieder auf: zwischen den Sitzen, auf der Fußmatte oder in der Ablage an der Tür.

Diese Spuren wecken die Erinnerungen: An den Strand, an das Licht des Sommers, das Geräusch des Meeres und daran, wie es sich anfühlt, barfuß am Meer entlangzugehen. Und dann mischt sich auch die Erinnerung an die Kinder darunter, die mit bunten Schaufeln und Eimern und mit unglaublichem Ernst versuchen, dem Sand eine bauliche Gestalt zu geben. Kanäle und Burgen entstehen – und jedes Bauwerk hat den Reiz, dass es mit der nächsten Flut wieder eingeebnet wird. Der Strand wird zum Spielfeld, das jeden Morgen wieder neu vorbereitet ist, neu geglättet. Die Bauten aus Sand dürfen sein, was sie sind: spielerischer Ausdruck des Bautriebs, Experimente ohne Bestandsgarantie.

Vielleicht sind deswegen Strand und Meer so beliebt und so wichtig – weil sie uns selbst als Kinder einmal die Erfahrung machen ließen, dass es ein Bauen ohne den Anspruch der Dauer geben kann. Ob etwas gelungen ist oder nicht – wir konnten immer wieder von vorne beginnen. Mit jedem Lebensjahr jenseits der Kindheit werden die Spuren deutlicher und die Mauern stabiler. Irgendwann im Leben bewohnt man die eigenen vier Wände: Feste Häuser, vielleicht nicht selbst gebaut, aber doch Ausdruck eigener Vorstellungen und Wünsche.
Stabil und fest – ein Zuhause für das Leben.

Ans Meer reisen, endlich wieder über den Strand laufen: vielleicht auch, um zu erleben, dass es das vorläufige, leichte und spielerische Leben gibt, das im Rhythmus der Gezeiten jeden Tag einen neuen Bauplatz zur Verfügung hat. Wenigstens für einige Sommertage. Mit ein paar Sandkörnern hier und da meldet sich diese Sommer-Einsicht immer wieder – bis zur nächsten Reise ans Meer.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Was die Seele im Sommer macht (2014)

Die Urlaubs- und Reisezeit soll eine sein, die dem Körper genauso gut tut wie der Seele. Nur: was tut der Seele gut?

Was macht die Seele im Urlaub? Was für eine Frage! Sie baumelt. Sie hat ja gar keine andere Wahl. Ob ich in die Türkei reise oder nach Gran Canaria, ans Mittelmeer oder nach Schottland – entscheidend ist: Ich kann die Seele mal so richtig baumeln lassen.

Ganz ehrlich: Mich macht diese Metapher schwermütig. Ich stelle mir so eine arme, müde Seele vor, die sieht ein bisschen aus wie ein leerer Luftballon. Und die hängt nun irgendwo am Mittelmeer oder am Atlantik oder an der Nordsee und baumelt vor sich hin. Kommt ein Windstoß, baumelt sie etwas schneller, bei Windstille baumelt sie langsamer. Und wenn der Urlaub vorbei ist, dann hört sie wieder auf zu baumeln, dann wird sie wieder aufgeblasen und verbringt angespannt und ruhelos ihre Tage bis zum nächsten Urlaub. Da wird ihr die Luft wieder rausgelassen und sie darf endlich wieder baumeln. Woher weiß man eigentlich, ob die Seele Lust darauf hat, einfach nur so abzuhängen?

Für viele beginnen in diesen Tagen der Urlaub und die Reisezeit. Und das stimmt ja: Diese Zeit soll eine sein, die dem Körper genauso gut tut wie der Seele. Nur: was tut der Seele gut? Weil wir gar nicht wissen, wie unsere Seele aussieht oder wo wir sie finden, sind wir auf Bilder, auf Metaphern angewiesen. Ich persönlich habe zwei Metaphern gefunden, die mir besser gefallen als die Seele, die baumelt. Die erste: Ich kann mir vorstellen, dass im Urlaub meine Seele aufblüht, dass sie farbig und kraftvoll wird, weil sie das Licht des Sommers und die neuen Eindrücke einer Reise genau so genießt wie ich. Und das zweite Bild finde ich in einem Lied von Paul Gerhardt aus dem Evangelischen Gesangbuch. Dort heißt es:

„Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön! /… Ich will den Herren droben /
hier preisen auf der Erd / ich will ihn herzlich loben / solang ich leben werd.“

Wenn es mir richtig gut geht, dann ist das mein Grundgefühl, dann möchte meine Seele singen, weil sie froh ist über die Welt und das Leben. Wer weiß – vielleicht entdecken Sie in diesen Sommerwochen Ihre ganz eigenen Bilder für das, womit es ihrer Seele in dieser schönsten Zeit am besten geht. Ich wünsche es Ihnen von Herzen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

 

Heiliges Jahr der Barmherzigkeit

Zwischen dem 8. Dezember 2015 und dem 20. November 2016 fand das Heilige Jahr der Barmherzigkeit statt, das von Papst Franziskus ausgerufen wurde. Barmherzigkeit – was bedeutet das eigentlich? Danach zu fragen ist wichtig, nicht nur, weil die BBT-Gruppe die Barmherzigkeit im Namen trägt. Das Jahr der Barmherzigkeit war für die BBT-Gruppe und ihren Einrichtungen ein wichtiger Anlass, sich mit der zentralen Botschaft der Barmherzigkeit auseinanderzusetzen und uns unseres zentralen Auftrags zu vergewissern.

Das Feiern eines Heiligen Jahres bzw. „Jubeljahres“ geht auf eine hebräische Tradition zurück, die im Jahr 1300 wieder aufgegriffen wurde. Es wird alle 25 Jahre gefeiert, bisher 26 Mal und zuletzt im Jahr 2000. Ein außerordentliches Jubiläum zu besonderen Anlässen findet außerhalb des festen Rhythmus statt. Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist ein solches außerordentliches.

Dem Thema "Barmherzigkeit" im Arbeitsalltag nachspüren: Dazu hat die Aktion "Herz.Punkt" mit einer Reihe von Impulstexten eingeladen, die an dieser Stelle veröffentlicht werden. Als zusätzliches Newsletter-Angebot an die Mitarbeitenden der BBT-Gruppe ermutigte Herz.Punkt, nicht aus dem Blick zu verlieren, wofür wir in der BBT-Gruppe unterwegs sind. Sich bewusst zu machen, was der Dreh-und Angelpunkt des eigenen Tuns, der eigenen Arbeit ist. Sich auf das Eigentliche, den Kern zu besinnen und Dinge zu einer Herzensangelegenheit werden zu lassen.

Impulstexte

Durch das Tor der Barmherzigkeit

Türen im Herzen öffnen und aufgeschlossen den Menschen im Leben, in der Welt begegnen.

Das ist ein so einfacher Vorgang, hundertmal jeden Tag: Jemand geht durch eine Tür. Verlässt einen Raum und betritt einen anderen. Und denkt weiter nicht darüber nach. Es sei denn, hinter einer Tür wartet etwas Besonderes. Entscheidende Momente können mit Türen verbunden sein und damit, was mich hinter der Tür erwartet. Vor der Tür kann sich dann Unruhe einstellen oder frohe Erwartung. Spontan fällt mir aus meiner Kindheit das Warten vor der Wohnzimmertür am Heiligen Abend ein. Später im Leben kommen andere wichtige Türen dazu. Die Tür des Prüfungsraums beim Abitur. Oder die Tür zum Arztzimmer, wenn man als Patient nach einer wichtigen Untersuchung auf das Gespräch mit dem Arzt wartet. 
Am 08. Dezember wurde eine besondere Tür aufgestoßen, eher ein großes Tor, die so genannte Heilige Pforte im Petersdom in Rom. Sie wird nur in den großen Jubiläumsjahren der katholischen Kirche geöffnet. Papst Franziskus hat diese Tür geöffnet. Mit diesem Symbol beginnt das Jahr der Barmherzigkeit. Für die Gläubigen soll das ein Anlass sein, sich zu vergewissern, wie sie Gott verstehen können. Gott ist keine anonyme Macht. Gott ist nicht fern vom Menschen. Gott ist kein unbewegter Weltenlenker. Er lässt sich bewegen vom Leid und von der Freude der Menschen, er begegnet ihnen mit offenen Armen und einem weiten Herzen.  Ein Symbol dafür ist die „Heilige Pforte“: Menschen sollen durch diese Tür gehen und bewusst darauf vertrauen, dass Gott den Menschen immer mit seinem weiten Herzen willkommen heißt. 
Und dann sollen sie wieder hinausgehen, mitten hinein in das Leben, in die Welt. Mit der Überzeugung, dass die Barmherzigkeit der Atem ist, von dem die Welt lebt. Es ist wohl die wichtigste Botschaft, auf die die Welt heute angewiesen ist: Barmherzig zueinander sein, weil Gott barmherzig ist. Und diesen Rhythmus: Gott als barmherzig verstehen und dann etwas davon mitnehmen in die Vielfalt des Lebens, den kann ich auch leben, wenn ich nicht in Rom bin. Ich kann ihn immer leben, wenn ich zu Menschen unterwegs bin, an ihn kann ich bewusst denken, wenn ich heute durch eine Tür gehe, zu Hause, am Arbeitsplatz, wo immer ich gerade bin. Die Heilige Pforte kann an jedem Ort sein.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Da kommt noch was

...da wusste ich – es kommt noch was. Was Richtiges. Nicht so ein winziges Dessert. Sondern Apfelstrudel mit Vanillesauce oder gefüllte Pfannkuchen. Etwas, wofür man die Gabel braucht

„Wenn ich mal tot bin, dann will ich mit einer Gabel in der Hand begraben werden!“ Ein sehr seltsamer Wunsch einer alten Dame. Sie äußert ihn, als sie – bei bester Gesundheit - mit dem Pfarrer über ihre Beerdigung spricht. Und die Gabel will sie in ihre rechte Hand gelegt bekommen. Die Angehörigen und alle, die zur Beerdigung kommen, sollen sie in ihrem Sarg liegen sehen mit der Gabel in der Hand. „Eine Gabel?“: Der Pfarrer staunt nicht schlecht. „Was wollen Sie nach Ihrem Tod noch mit einer Gabel?“ 

 
 

Die alte Dame lächelt. Mit der Gabel verhalte es sich so: Sie sei in ihrem Leben ganz oft zum Essen eingeladen gewesen. Und manchmal, wenn der Hauptgang abgetragen wurde, da hieß es dann: Die Gabel können Sie behalten. „Und da wusste ich“, so die alte Dame, „da wusste ich – es kommt noch was. Was Richtiges. Nicht so ein winziges Dessert. Sondern Apfelstrudel mit Vanillesauce oder gefüllte Pfannkuchen. Etwas, wofür man die Gabel braucht.“ Und mit dieser Überzeugung wolle sie auch ihr Leben beschließen. Deswegen die Gabel. Sie hat die feste Überzeugung, dass das Leben so wie ein Festessen sei, bei dem ihr jemand sagt: Am Ende kommt noch was Richtiges, so ein richtig großer Nachtisch.[1]

Wir sind mitten im Advent: Gestern war der Nikolaustag und damit ist schon ein Höhepunkt vorbei. Mitten im Advent – und fast hat man den Eindruck: Mehr geht nicht. Die Weihnachtsmärkte sind ein wunderbarer Ort der Geselligkeit. Weihnachtsfeiern bis zum Abwinken. Und wenn dann tatsächlich Weihnachten ist, dann haben viele schon genug. Genug von Glühwein, Süßigkeiten, Musik und Stimmung. Kommt da noch was? 

Die Geschichte von der alten Dame, die mit der Gabel in der Hand beerdigt werden möchte, beruhigt mich. Sie beruhigt mich, wenn ich im Advent nicht auf jeder Feier sein kann, nicht jeden Weihnachtsmarkt in der Umgebung besuche. Ja: Da kommt noch was. Das Beste, das, was alles abrundet, das muss ich nicht schon am Anfang haben. Das hat noch Zeit. Und wenn es hektisch wird vor lauter Adventsgenuss, dann versuche ich so ganz leise die Aufforderung in mir zu hören: Behalte die Gabel noch. Warte ruhig etwas. Spare dir noch etwas Appetit auf. Advent ist Vorbereitung.

Dr. Peter-Felix Ruelius


[1] Mehrfach in unterschiedlicher Form erzählte Geschichte; Quelle nicht feststellbar.

Barmherzigkeit fängt bei mir an

Anfangen kann ich damit, dass ich mir keine Vorwürfe mache, sondern mit mir gütig bin und meine Schwächen liebevoll ansehe.

Wie schön ist es, wenn man To-Do-Listen hat, ob an der Arbeit oder zu Hause. Gut geplant ist halb erledigt. Im Internet gibt es jede Menge Ratgeber dazu: Wie man To-Do-Listen anlegt, sortiert und sich vergewissert, dass man nichts vergessen hat. Meine eigenen To-Do-Listen sehen auch meistens ziemlich gut aus.
Aber dann: Dann kommt der Freitag und ich schaue meine To-Do-Liste an. Sie ist immer noch ganz schön voll. Da kam dann doch noch eine größere unerwartete Aufgabe dazu und der ganze schöne Plan war futsch. Neue Termine - und aus war’s mit der schönen geplanten Arbeit. Und so etwas ist dann regelmäßig wenigstens ein kleiner Frust-Anlass: Schön gedacht und schön geplant und wieder mal längst nicht alles geschafft: Der schönste Nährboden für ein schlechtes Gewissen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: To-Do-Listen sind unbarmherzig.
Was fange ich also damit an? Bei Facebook lese ich den Ratschlag: Öfter mal was von der To-Do-Liste auf die Was-soll’s-Liste verschieben. Auf den ersten Blick ein ganz sympathischer Ratschlag. „Was soll’s“ klingt aber nicht richtig gut. Es hört sich nach Niederlage an. Immerhin nach Niederlage mit Augenzwinkern. Aber trotzdem das Eingeständnis: Ich resigniere. Und das hilft mir nicht wirklich.
In diesem Jahr taucht auf der Themenliste der katholischen Kirche immer mal wieder das Schlagwort „Barmherzigkeit“ auf. Der erste Blick geht dann dahin, wo Menschen in Not sind und mich ihr Leid berührt. Und wenn ich die Blickrichtung einmal umdrehe? Wenn ich einmal mit mir selbst barmherzig bin? Anfangen kann ich auch mit meinen To-Do-Listen. Anfangen kann ich damit, dass ich mir keine Vorwürfe mache, sondern mit mir gütig bin und meine Schwächen liebevoll ansehe. Auch die, kein perfekter Planer der eigenen Aufgaben zu sein. Ich glaube sogar, dass das eine wichtige Voraussetzung dafür ist, anderen gegenüber barmherzig zu sein. Wenn ich mit mir selbst gut bin, kann ich auch Verständnis und Barmherzigkeit anderen gegenüber aufbringen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Das Herz des christlichen Glaubens

Die mitfühlende Stärkung des Gegenübers ist es, was Menschen ausmacht, die täglich für andere arbeiten.

Was ist daran barmherzig, wenn wir als Mitarbeitende in der BBT-Gruppe unsere Arbeit machen? Auf den ersten Blick nichts, denn jede Krankenpflegerin und jeder Physiotherapeut, jeder Arzt und jeder Altenpfleger übt einen Beruf aus, zu dem eine Menge Fachwissen und Können gehören und mit dem man erst einmal auch seinen Lebensunterhalt verdient.

Doch es steht mehr dahinter: Letztlich arbeiten alle 11.000 Mitarbeitenden der BBT-Gruppe dafür, dass Menschen gestärkt werden, gut leben können und gesund werden. Dass sie in ihrem Leben zurechtkommen und ihre Fähigkeiten aktivieren können oder, bildlich gesprochen, dass sie irgendwann die Treppenstufen selbstständig nach oben kommen. Dahinter steckt eine Haltung, die man deswegen Barmherzigkeit nennen kann, weil sie etwas verwirklicht, was auch im religiösen Sinn so gemeint ist. Der Grundgedanke: Wenn der Mensch es mit Gott zu tun hat, dann hat er es mit dem barmherzigen Gott zu tun. Mit dem, der ihn nicht klein machen will, sondern ihn stärkt. Die mitfühlende Stärkung des Gegenübers ist es, was Menschen ausmacht, die täglich für andere arbeiten. Das klassische Bild der Barmherzigkeit ist der barmherzige Samariter, der den Verwundeten auf das Pferd setzt und ihn im wörtlichen Sinn emporhebt. Das ist das Herz des christlichen Glaubens.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Wozu um Himmels willen?

Wer barmherzig ist, lässt sich anstecken, lässt sich berühren, bewegen vom Schicksal des Menschen, der ihm begegnet.

Eben. Um Himmels willen. Wir Menschen leben in einer Welt, die extrem unbarmherzig ist. Sie ist weder friedvoll noch rücksichtsvoll. Sie lässt viele unter die Räder kommen. Sie wäre nicht lebenswert, wenn es nicht die andere Seite gäbe: Wenn keine Barmherzigkeit zu finden wäre. Auch so ist das Leben auf der Erde noch nicht der Himmel. Aber es kommt ihm etwas näher.

Barmherzigkeit: Sie geht über das Einzelschicksal nicht hinweg. Wer barmherzig ist, lässt sich anstecken, lässt sich berühren, bewegen vom Schicksal des Menschen, der ihm begegnet. Von seinem Schicksal oder seiner Notlage. Weil Menschen berührt sind, kommt ihre Fantasie in Gang: Was kann ich für den Menschen tun, der gerade meine Hilfe braucht?

Die Barmherzigkeit krempelt die Ärmel hoch und packt an. So hat es beispielsweise Peter Friedhofen getan. Und so tun es auch Tausende von Menschen, die heute für die Einrichtungen der BBT-Gruppe arbeiten. Barmherzigkeit: Das ist engagierte Empathie oder liebevolles Zupacken. Weil beides dazugehört. Berührt werden und etwas tun.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Barmherzigkeit: Die Reha-Maßnahme Gottes

Barmherzigkeit macht Menschen stark. Sie hat kein Interesse daran, dass Schwache schwach bleiben.

Rehabilitation heißt übersetzt: Wieder-Befähigung. Und darum geht es. Daran arbeiten Tag für Tag hunderttausende Menschen in unserem Land. Ob sie es so nennen oder nicht. Aus der Empathie für Menschen kommt die Freude darüber, dass Menschen erstmals oder wieder etwas gelingt. Oder dass sie in ihr Recht kommen, eigenständig und aus eigener Kraft zu leben. Dass sie wieder auf eigenen Beinen stehen können. Oder wieder am Leben teilnehmen können.

Barmherzigkeit macht Menschen stark. Sie hat kein Interesse daran, dass Schwache schwach bleiben. Ob in der Schule oder im Krankenhaus, ob im Seniorenheim oder der Behinderteneinrichtung, ob in der Flüchtlingsunterkunft oder im Gefängnis.Barmherzigkeit will Menschen fähig machen, gut als Menschen zu leben.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Gott sei Dank: Empowerment

Gott ist unverbesserlich. Unverbesserlich auf der Seite der Menschen.

Im Jahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus ausgerufen hat, wird der Horizont ganz weit gespannt. Für die Bibel steht die Geschichte, die Gott mit den Menschen erlebt, unter ziemlich üblen Vorzeichen. Von Anfang an wiederholt sich das Muster: Ein Angebot Gottes zu einem guten und friedvollen Leben scheitert an der Langeweile, dem Desinteresse, der Gier, der Überheblichkeit oder der Aggression der Menschen. Die Bibel nennt das Sünde.
Allerdings: Gott ist unverbesserlich. Unverbesserlich auf der Seite der Menschen. Denn er hat überhaupt kein Interesse daran, dass Menschen scheitern, dass sie sich verrennen, dass sie Schiffbruch erleiden. Er hat sie ja anders gedacht. Gut, liebevoll, friedvoll und gerecht. Seine Barmherzigkeit ist der Grund, auf dem wir leben. Weil er offensichtlich immer noch damit rechnet, dass die Menschheit es schaffen kann, aus diesem Planeten den lebenswertesten Ort des Universums zu machen.
Seine Barmherzigkeit will den Menschen nicht klein halten. Sie macht ihn groß und selbstbewusst. Damit er in Gottes Würde leben kann. Als sein Ebenbild. Empowerment: das ist Gottes barmherziges Programm für Menschen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Woran wir arbeiten. Selbstverständlich.

In jedem Leben gibt es eigene Begegnungen, die verlangen, dass man barmherzig ist.

Was vielleicht selbstverständlich ist, war das nicht immer. Oder vielleicht wollte man es auch nur besser kapieren. Also hat man beschrieben, worin die Barmherzigkeit bestehen kann. Zwei Kataloge sind entstanden. Der erste ist direkt aus der Bibel genommen. Die Älteren haben ihn noch im Katechismus gelernt. Und weil aller guten Dinge im Christentum sieben sein müssen, gibt es sieben leibliche Werke der Barmherzigkeit und sieben geistige. Also: Hungernden zu essen geben und Durstigen zu trinken geben. Den Nackten Kleidung geben und Obdachlose aufnehmen. Kranke pflegen und Gefangene besuchen. Und schließlich die Toten begraben. Und daneben gibt es noch eine Liste mit den geistigen Werken der Barmherzigkeit: die Unwissenden lehren, die Zweifelnden beraten, die Trauernden trösten, diejenigen korrigieren, die Fehler gemacht haben, denen verzeihen, die mich verletzt haben und die Lästigen geduldig ertragen, für andere beten.

Zwei Listen zum Abarbeiten? Überhaupt nicht. Höchstens zwei Listen, die zeigen, wohin die Richtung geht. Und die man ergänzen könnte, weil es in jedem Leben eigene Begegnungen gibt, die verlangen, dass man barmherzig ist. Und was könnte heute dazu gehören? Kinder gut erziehen, Ältere begleiten, Kollegen aushelfen, dem Ehepartner zuhören, Gestresste beruhigen: Noch mehr Ideen? Oder ganz andere? Darum geht es: Dass ich genau da, wo ich gerade bin, das tue, was dem anderen zum Leben hilft. Papst Franziskus findet dafür ein schönes Bild. „Überall wo Christen sind, muss ein jeder eine Oase der Barmherzigkeit vorfinden.“ Das klingt entspannt und froh.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Sei gut zu dir.

Barmherzigkeit will gutes Leben möglich machen.

Wenn Barmherzigkeit mich an den Rand der Verzweiflung bringt, weil ich nicht mehr ein noch aus weiß vor lauter Ansprüchen, die ich selbst oder andere an mich stellen, dann stimmt was nicht. Denn dann habe ich die wichtigste Grundregel noch nicht umgesetzt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Sei anderen gegenüber barmherzig, wie du es dir selbst gegenüber bist. Weil du nicht perfekt sein musst und dich nicht antreiben musst zum Barmherzigkeitsmarathon, der die letzten Kräfte kostet.

Barmherzigkeit will gutes Leben möglich machen. Auch mein eigenes.

Dr. Peter-Felix Ruelius

 

Adventszeit

In der Adventszeit bereiten wir uns auf das Fest der Geburt Jesu – Weihnachten – vor. Doch gerade in dieser besinnlichen Vorweihnachtszeit fehlt uns oftmals die Ruhe. Die Impulse zur Adventszeit laden zum kurzen Innehalten in der vorweihnachtlichen Hektik ein.

Impulstexte

Unsere Vollkommenheit – Gottes Vollkommenheit (2017)

Wir Menschen können nicht alles in Weisheit und Vollkommenheit ordnen.

Bis zum Konzert sind es nur noch ein paar Wochen. Der Chor arbeitet fieberhaft. Er probt Beethovens Missa Solemnis. Das ist keine leichte Kost. Die Töne sitzen ganz gut. Jetzt fängt die Feinarbeit an. Hier klingt ein Vokal noch nicht gut, da ist eine leise Stelle mit mehr Spannung zu gestalten. Da muss eine Betonung korrigiert werden. Höchste Töne müssen trotz der Anstrengung leicht klingen. Noch ein Durchlauf. Und noch einer. Der Chorleiter ist noch nicht ganz zufrieden. Und er hat immer noch eine Idee, wie er den Klang noch transparenter, noch edler und noch ausdrucksvoller hinbekommt. Und die rund hundert Sängerinnen und Sänger strengen sich an, versuchen jeden Hinweis aufzunehmen, motiviert und nur manchmal ein kleines bisschen ungeduldig: Reicht es immer noch nicht? Am Ende, wenn es richtig gelingt, dann entsteht etwas, das alle froh macht. Mit etwas Glück, aber vor allem mit sehr viel Arbeit entsteht ein Kunstwerk, das die Hörer bewegt und die Musiker und Sänger mit dem guten Gefühl zurücklässt, ein kleines Stück Vollkommenheit gestaltet zu haben.

Das kennen Künstler, aber auch viele andere Menschen in anderen Berufen. Sie kennen die Plage der Anstrengung. Sie kennen auch die innere Stimme, die sagt, dass es doch nun mal so reicht, wie es ist. Und sie kennen ein inneres Aufraffen, dass es doch noch etwas besser oder etwas schöner oder etwas genauer geht.

Ganz im Gegensatz dazu steht ein Prinzip, das in den letzten Jahren immer mehr Karriere gemacht hat: das so genannte Pareto-Prinzip. Das genießt vor allem im Zeitmanagement hohe Plausibilität. Der Grundsatz lautet: Zwanzig Prozent des Aufwands bringen rund 80 Prozent eines Ergebnisses hervor. Die restlichen zwanzig Prozent des Ergebnisses erreicht man mit den weiteren 80 Prozent des Aufwands. Das entspricht genau dem Feilen an einem Ergebnis, zum Beispiel an einem Musikstück. Fazit: Wenn du achtzig Prozent erreicht hast, dann ist das doch ganz gut. Dann kommst du mit dem Ergebnis meistens ganz gut zurecht.

Ganz gut zurechtkommen, irgendwie durchkommen: Reicht das? Beim Staubsaugen oder aufräumen vielleicht schon. Von einem Flugkapitän erwarte ich dagegen, dass er seinen Job mit hundertprozentiger Genauigkeit macht. Der Chirurg, der mich operiert, hat hoffentlich auch die berühmten letzten zwanzig Prozent an Fingerfertigkeit gelernt, damit er auch dann auf der Höhe seiner Leistung ist, wenn nicht alles routinemäßig läuft.

Die letzten Tage vor dem Weihnachtsfest sind geprägt von den so genannten O-Antiphonen. Das sind Verse, die im Abendgebet der katholischen Kirche auftauchen. In verschiedenen Bildern formulieren sie immer eine ganz bestimmte Sehnsucht, die sich mit dem Kommen Gottes in die Welt verknüpft. Der Text, mit dem die Reihe beginnt, lautet:

„O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten – die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.“

Hinter der Sehnsucht nach Weisheit steht eine Erfahrung: Wir Menschen können nicht alles in Weisheit und Vollkommenheit ordnen. Auch bei größter Anstrengung machen wir wahrscheinlich nicht alles richtig, machen wir Fehler. Wir bleiben angewiesen auf den, der vollendet, der in letzter Hinsicht alles zur Vollkommenheit führt. Bei aller Anstrengung ist es unsere Sache, alles so gut zu machen, wie es geht und Gottes Sache ist es, zu vollenden.

Eine Maxime, die Ignatius von Loyola zugeschrieben wird, sagt es so: Handle so, als ob alles von dir und nichts von Gott abhinge – und setze deine Hoffnung so auf Gott, als ob alles von ihm und nichts von dir abhinge.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Alles egal? (2017)

Die Hoffnung im Advent ist genau die: dass Gott nichts egal ist, dass er die Dornen und das Tote verwandeln will, weil er die Welt nicht ihrer eigenen Gleichgültigkeit überlässt.

Das Weltprinzip sieht aus wie ein Seestern, überdimensional, blassgelb und faltig. Es hängt in einem stillgelegten Straßenbahndepot in München. Das Weltprinzip bewegt sich ein bisschen und stößt ab und zu ein Brummen aus. Das Weltprinzip ist „Das große Egal“.

Der Autor und Kolumnist Axel Hacke hat diesem Weltprinzip die Mitte eines sehr scharfsinnigen Buches gewidmet. Es heißt: „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“.

Sehr heiter geht es darin zu und sehr harmlos. Gott in Gestalt eines höflichen und freundlichen älteren Herrn lenkt die eine oder andere kleinere und größere Angelegenheit im Leben des Autors. Sehr kurzweilig rettet er ihn zum Beispiel vor einem herabfallenden Globus oder lässt es ein bisschen regnen. Einmal lässt er den Löwen vor der Feldherrenhalle in München durch einen brennenden Reifen springen.

Aber die ganze Heiterkeit ist weg, als Gott den Autor mitnimmt zum „Großen Egal“. Auf einmal herrscht ein anderer Ton: nachdenklich, traurig und wütend. Erst recht, als Gott ihm das Weltprinzip erläutert.

„Der Kern der Welt ist die Gleichgültigkeit. Egal was du tust, egal was irgendjemand tut, egal ob du lebst, egal, ob du stirbst, egal, ob die Meeresspiegel steigen und ganze Länder unter Wasser setzen, egal, ob die ganze Menschheit ausgelöscht wird – die Welt dreht sich weiter. Es gibt nichts, das Dem Großen Egal nicht vollkommen wurscht wäre.“

„Ist Ihnen damals kein besseres Weltprinzip eingefallen?“

„Nein. Wahrscheinlich bin ich deswegen jetzt erst hier. Ich hatte früher einfach Angst, mir das alles anzusehen. Es mir vor Augen zu führen. Aber irgendein Prinzip musste die Welt haben.“

Der Autor wird nun unglaublich wütend. Er greift „Das Große Egal“ an. Er schreit es an, schreit die Schicksalsschläge und die unverstehbaren Verluste des Lebens dem großen Egal entgegen. Aber auch die Glückserlebnisse. Soll das alles egal sein? „Das Große Egal“ reagiert, wie es immer reagiert, mit einem müden, deprimierten, gebrummten „Egal“.

Heute füge ich einen Aufschrei dazu. Genau vor einem Jahr rast ein Mörder in den Berliner Weihnachtsmarkt, tötet Menschen, verletzt Menschen, versetzt ein ganzes Land in Trauer und Verunsicherung: Alles egal? Die Attentate der vergangenen Jahre: Paris, Nizza, London, Barcelona – die Liste ist ja noch viel länger. Egal?

In das große Egal dieser Welt hinein möchte ich ein Lied singen, eines meiner Lieblings-Adventslieder: „Maria durch ein‘ Dornwald ging.“ „Maria durch ein‘ Dornwald ging, der hat seit sieben Jahren kein Laub getragen“. Ich weiß, dass ich schon als Kind hier eine sehr genaue Vorstellung hatte: Eine öde und leere Landschaft, nichts als Dornen und Gestrüpp. Eine leblose, feindliche Welt. Sieben Jahre ist nichts gewachsen. In meiner Vorstellung war diese Ödnis unvorstellbar groß.

„Was trug Maria unter ihrem Herzen? Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen.“

Das Lied erinnert an den Weg, den die schwangere Maria zu ihrer Verwandten Elisabeth geht.

„Da haben die Dornen Rosen getragen: Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen.“

Was für ein berührendes Bild. Im wörtlichen Sinn. Allein das Vorübergehen, eine unmerkliche Berührung durch die Gegenwart des Gotteskindes reicht, damit aus der Öde ein lebendiger Garten wird.

Die Hoffnung im Advent ist genau die: dass Gott nichts egal ist, dass er die Dornen und das Tote verwandeln will, weil er die Welt nicht ihrer eigenen Gleichgültigkeit überlässt.

Nein: Das Große Egal ist nicht das Weltprinzip. Es ist allerdings eine ständige Versuchung, die Welt so zu sehen. Der Advent wehrt sich mit Hoffnung und Sehnsucht, mit etwas Trotz und ja, manchmal auch mit Zorn gegen das große Egal. Und der Advent behauptet kühn, dass es dafür einen Grund gibt.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Perspektiven (2017)

Der Schlüssel zu dieser Welt, der Schüssel zur Zukunft ist das Sehen des guten Möglichen.

Adventszeit ist Spendenzeit. Aber wem und wofür soll ich spenden? Wie kann ich beurteilen, was richtig und sinnvoll ist? Klares Ergebnis einer ersten Recherche: Keiner weiß es so richtig. Die großen Organisationen, kirchlich oder nicht, sind vielleicht eine ganz vertrauenswürdige Adresse. Oder doch lieber kleinere Organisationen oder Aktionskreise, bei denen ich vielleicht sogar jemanden persönlich kenne, der Spenden und ihre Verwendung organisiert?

Adventszeit ist Spendenzeit. Bei meiner Suche lese ich mich fest. Das passiert mir selten. Ich bin auf einer Seite gelandet, die heißt: „Perspective daily“. Perspektive. Täglich. Das klingt gut. Die Seite betreibt konstruktiven Journalismus.

Konstruktiv heißt er deswegen, weil er Lösungen und Perspektiven diskutiert. Weil er aktiv nach Perspektiven sucht. Sein Leitwort ist: „Zeigen, was geht“. In den verschiedensten Bereichen arbeiten Journalisten, oft mit wissenschaftlichem Hintergrund, an Reportagen und Hintergrundartikeln, die Gewohntes in Frage stellen. Sie brechen Perspektiven auf, die viele schon zu sehr verinnerlicht haben. Seit knapp zwei Jahren ist die Seite online. Und entstanden ist in dieser Zeit ein richtiger Kosmos an Ideen, Lösungsvorschlägen und eben: Perspektiven.

Adventszeit ist Spendenzeit. Ich lasse mich weiterführen und finde auf der Seite von Perspective Daily einen Artikel über „Effektiven Altruismus“ – eine Bewegung, die genau untersucht, ob Spenden tatsächlich bewirken, was sie bewirken wollen. Überraschend ist zum Beispiel für mich, dass ein Programm zur Entwurmung von Kindern in Afrika viel wirksamer ist als die Finanzierung von Schulgeld, wenn man die Frage stellt, wie der Schulbesuch mehr Kindern ermöglicht werden kann.

Adventszeit ist Spendenzeit – und eine Zeit für Perspektiven. Ich habe eine Idee, wie ich etwas tun kann. Mit Geld, das ich selbst nicht zum Leben brauche. Und ich lasse mich anstecken von der Überzeugung, dass es Perspektiven und Lösungen gibt. Dass die Welt tatsächlich verändert werden kann. Dass es keinen Grund gibt zur Resignation. Keinen Grund für die Annahme, dass es ja ohnehin nichts nützt.

Die letzten Tage vor Weihnachten werden in der Liturgie der katholischen Kirche begleitet von den so genannten O-Antiphonen: kurzen Versen, die mit ganz unterschiedlichen Bildern die Sehnsucht nach der Ankunft Jesu Christi in dieser Welt und die Wende der Welt zum Guten ausdrücken. Der Text des heutigen Tages heißt:

„O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel – du öffnest und niemand kann schließen, du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen. O komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes.“

Das Bild ist aus der Bibel genommen. Ich kann es gut so deuten, dass hier jemand angesprochen wird, der die Macht hat, zur richtigen Zeit die richtige Tür zu öffnen und Freiheit zu schenken. Wenn wir von „Schlüsselpositionen“ sprechen, dann klingt davon etwas nach.

Der Erlöser, auf den ich hoffe, hat, wenn man so will, eine Schlüsselposition. Wenn Gott Mensch wird und der Sohn Gottes geboren wird, dann auch deswegen, weil er uns mitnehmen will in seine Sicht. Weil er etwas aufschließen will. Weil er uns sehen lehren will. Sehen was geht. Das Mögliche in einer Welt der Unmöglichkeiten. Weil er Räume aufschließen will, die uns handeln lassen. Der Schlüssel zu dieser Welt, der Schüssel zur Zukunft ist das Sehen des guten Möglichen. Das Sehen der Erfolge und der Lösungen, die es gibt, auch dort, wo alles unmöglich, unerreichbar oder nicht umsetzbar scheint. Es geht nicht um Wunder und Zauberei, sondern um Lösungen, die Menschen im Vertrauen auf das Gelingen ausprobiert haben und umsetzen.

Es ist nicht nur eine Adventsaufgabe: Täglich die Augen offen halten für die Perspektiven, die möglich und gut sind. Und die eine oder andere davon verfolgen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Orientierung auf der Bahnhofstreppe (2017)

Dort, wo nichts mehr geht, sehnen sich Menschen danach, einen Weg zu finden, der nach Hause führt.

„Was bist du eigentlich für ein Mensch?“ „Ich bin ein Clown (…) und sammle Augenblicke. Tschüs.“ . Das ist der letzte Dialog, den der Clown Hans Schnier mit seinem Bruder führt. Zwei Welten, die nicht zusammenkommen können.

Leo, der Bruder, studiert Theologie und lebt im Priesterseminar in Bonn. Hans, der Clown, wurde von der Frau verlassen, die er wie niemanden sonst auf der Welt liebt. Jetzt ist er verzweifelt auf der Suche nach ihr. Dass Marie ihn verlassen hat, hat ihn in eine tiefe Lebenskrise gestürzt. Niemand hilft ihm. Die einen wollen es nicht. Von den anderen kann er Hilfe nicht annehmen. Der Bruder könnte ihm helfen; aber die strengen Regeln des Priesterseminars verbieten es ihm, am Abend noch einmal zu seinem Bruder zu gehen und ihm wenigstens ein paar Mark zu geben, die ihn über einen Tag oder zwei retten könnten.

„Wer bist du eigentlich?“ „Ich bin ein Clown. Ich sammle Augenblicke.“ Heinrich Böll, der Autor des Romans „Ansichten eines Clowns“, wurde heute vor hundert Jahren geboren. Und in den Ansichten eines Clowns wie in so vielen anderen Romanen, wurde Heinrich Böll der Chronist der gesellschaftlichen Gehversuche der jungen Bundesrepublik, Chronist ihrer Widersprüche, ihrer Aufbrüche, aber auch ihrer Verlogenheiten.

Zwei Brüder, ein Vater: Daraus konnte immer schon eine gute Geschichte werden. Wie in der Bibel. Dort eilt der Vater seinem verlorenen Sohn entgegen und setzt ihn ein in die Freude des Erbes. Hier läuft es etwas anders: Der Vater, der als Großindustrieller über großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss verfügt, geht dem missratenen Sohn, dem Hans, zwar entgegen. Er sucht ihn auf, bietet ihm Hilfe an. Will ihn noch einmal aufbauen, als perfekt ausgebildeten Pantomimen. Aber er versteht nicht, dass es diese Bevormundung ist, die der Sohn nicht annehmen kann.

Und der Bruder? Der ist vor lauter religiöser Geradlinigkeit gar nicht in der Lage zu erkennen, was Barmherzigkeit wäre, was Hilfe wäre in einer Einsamkeit, die groß ist und bitter.

Die Realität der sechziger Jahre ist offensichtlich eine andere als die biblische. Und doch bahnt sich in der Bibel ja an, was hier weitererzählt wird, übersetzt in eine andere Zeit. Zwei Lebensentwürfe: Der eine verschreibt sich den höheren Ordnungsprinzipien. Der andere will ein freies Leben, ein lächerliches sogar. Unter Alkohol und ohne Training wird die Lächerlichkeit jämmerlich. Hans Schnier scheitert wie der verlorene Sohn der Bibel. Er landet auf der Bahnhofstreppe: ohne Geld in der Tasche, ohne Kompromisse.

Der Clown Hans Schnier auf der Bahnhofstreppe: Ist das eine Adventsfigur? Der Vers, der in der katholischen Liturgie den heutigen Tag begleitet, ist eine der so genannten O-Antiphonen. In ganz unterschiedlichen Bildern sprechen diese Verse von der Sehnsucht. Der Vers des heutigen Tages heißt:

„O Morgenstern, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit. Komm und erleuchte jene, die in Finsternis und Todesschatten sitzen“.

Auf Lateinisch heißt der Morgenstern Oriens. Der Stern, der am Morgenhimmel sichtbar wird, im wörtlichen Sinn Orientierung gibt, Ausrichtung ermöglicht und den Weg zeigt.

Mit der Geschichte des Clowns Hans Schnier im Kopf, höre ich diesen Vers so: Es ist ziemlich gleichgültig, warum Menschen in ihrem Leben auf Wege kommen, die sie nicht weiterführen. Gleichgültig, ob sie an irgendeiner Stelle eine falsche Richtung gewählt haben oder ob ihnen ein großes Hindernis den Weg versperrt hat. Die Sehnsucht im Herzen bleibt ja die gleiche: Dort, wo nichts mehr geht, sehnen sich Menschen danach, einen Weg zu finden, der nach Hause führt. Nach Hause finden, müsste immer heißen: einen Ort zu finden, der Freiheit und Geborgenheit miteinander verbindet. Von Herzen angenommen sein, ohne Nötigung, ohne Vorwurf.

Wenn Menschen einander diese Heimat geben können, den Fremden und – was manchmal noch schwerer ist - den Nächsten: dort geben sie der Sehnsucht nach dem Morgenstern ein Gesicht.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Er ist gerecht, ein Helfer wert (2017)

Die Sehnsucht, die sich auf die Ankunft des Sohnes Gottes richtet, ist auch eine Sehnsucht nach der guten Herrschaft.

Es wäre möglich, die Schach-Partie jetzt zu gewinnen. Der Gegner ist einfach nicht erschienen. Es wäre ein Leichtes, jetzt einfach abzuwarten. Dann fiele nach allen Regeln der Schachwelt der Sieg an Carl Schlechter. Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic erzählt in seinem ersten Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“  diese kleine, wahrscheinlich historisch zutreffende Begebenheit: Während eines wichtigen Turniers war die Partie zwischen Carl Schlechter, der im Roman den Namen Carl Haffner trägt, und Frank Marshall unterbrochen worden. Bei der Wiederaufnahme fehlte auf einmal Frank Marshall. Die Uhr lief. Der Schiedsrichter war beunruhigt. Carl Schlechter machte sich Gedanken: Hatten sie einander missverstanden? War Marshall davon ausgegangen, dass Schlechter ohnehin aufgeben würde? Und was tat Schlechter nun? Er stellte die Uhr ab „und rückte die Figuren in die Grundstellung. Marshalls König placierte er in der Mitte des Brettes. Daran erkannte jeder Vorübergehende, daß der Amerikaner [also Frank Marshall] gewonnen hatte.“

Am Ende des Turniers hat Schlechter zwar noch einen respektablen Platz erreicht, steht aber nicht auf dem Siegertreppchen. Seine Fairness bringt ihm immerhin den Ausspruch des Turnierleiters ein, dass er den fairsten Zug aller Zeiten getan habe.

Das historische Vorbild des Romanhelden von Glavinic gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zu den ganz Großen des Schachspiels. Die Schachturniere damals waren große Events und ihre Protagonisten waren internationale Stars. Carl Schlechter lebte allein vom Schachspiel – und war auf Preisgelder angewiesen. Ein Verzicht auf einen unfair errungenen Sieg war nicht nur eine noble Geste, er kostete ihn auch materiell etwas.

Carl Schlechter ist in die Geschichte eingegangen als der Schachspieler, der eine besondere Vorliebe für das Remis, das Unentschieden hatte. Er sei, so heißt es, überaus höflich und freundlich gewesen, äußerst bescheiden und nie darauf aus, jemanden zu übervorteilen.

Der Advent hat in der Liturgie der katholischen Kirche eine Eigenheit. Die letzten Tage vor Weihnachten sind von Texten begleitet, die man die so genannten O-Antiphonen nennt. Es sind kurze Verse, die im Abendgebet der katholischen Kirche auftauchen. Der Text für den heutigen Tag heißt:

„O König aller Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht, Schlussstein, der den Bau zusammenhält: O komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet.“

So geht eine sehr weltliche Angelegenheit mit in die Tage vor Weihnachten. Denn es geht ja hier um das Bild eines guten Herrschers, einer guten Regierung. Und die Sehnsucht danach hat Konturen, sie ist relativ konkret. Gute Herrschaft geht nicht mit Gewalt vor. Sie ist fair. Sie muss anständig sein. Im Großen wie im Kleinen. Sie muss auch in der Lage sein zu verzichten: Ob man es Kompromiss nennt oder Remis. Die Größe, den Gegner nicht zu demütigen, steht immer dahinter. Der Schachspieler Carl Schlechter lässt etwas von dieser Fairness und dieser Vornehmheit ahnen.

Die gute Herrschaft muss ausbalanciert sein. Schlussstein, der den Bau zusammenhält. Die Sehnsucht, die sich auf die Ankunft des Sohnes Gottes richtet, ist auch eine Sehnsucht nach der guten Herrschaft.

In der Sprache des Adventsliedes heißt es:
Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Heiland groß von Tat.

Jesus selbst hat nie erlebt, was es heißt, Politiker oder Herrscher zu sein. Im Gegenteil: Er wurde Opfer der Mächtigen. Und trotzdem: In dem, was er gesagt hat, in dem, wie er Menschen begegnet ist, muss etwas von dieser Art der Herrschaft spürbar gewesen sein. Etwas, das sich durch die Jahrhunderte zieht, etwas, das wir heute ahnen und in seltenen Augenblicken wahrnehmen, wenn wir gutes, kluges und faires Verhalten der Mächtigen erleben.

Gottes Herrschaft ist nicht die des Rechts auf Biegen und Brechen. Gottes Herrschaft ist die Herrschaft der Sanftmut. Eine Gerechtigkeit des großen Herzens.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Umwerfende Weihnachten (2017)

Das ist so umwerfend, dass der Mensch dadurch auf die Beine kommt.

Wenn man nach Übersetzungen für das englische Wort „Amazing“ sucht, dann hat man die Qual der Wahl: Überwältigend kann es heißen oder überraschend, erstaunlich, umwerfend, begeisternd oder faszinierend. Ich entscheide mich heute für „umwerfend“.

Morgen ist der Heilige Abend. Viele sind unterwegs zueinander. Kinder zu ihren Eltern, Eltern zu ihren Kindern. Viele brechen auf und kommen dann endlich an. Das Letzte kann noch vorbereitet werden, die allerletzten Geschenke müssten heute besorgt werden, der Speiseplan steht fest. Der Baum ist da, das Haus sauber.

Umwerfend?

Nicht so richtig. Den einen oder anderen wird es vielleicht umwerfen. Nach dem Stress der Vorweihnachtstage wirft es viele aus der Bahn. Jetzt, wo alles gut und schön sein sollte: Jetzt wirft es uns um. Weil es reicht oder weil es einfach zu viel ist. Viele wirft es auch während der Feiertage um: Wenn viele Hamsterräder zum Stillstand kommen, erwachen alte Themen oder Fragen, die man das ganze Jahr über weggeschoben hat. Familien sind zusammen und erkennen, was sie aneinander haben oder eben auch nicht. Und dann werden Klarheiten, auf die man sich das ganze Jahr verlassen hatte, umgeworfen.

Umwerfend? Amazing?

Im weltlichen Amerika gibt es so etwas wie eine christliche Hymne, ein Lied, das jeder kennt und das an ganz vielen Stellen erklingt: „Amazing Grace“. Unzählige Male vertont. Im Lauf der Zeit wurde das Lied vielfach bearbeitet und von einer kaum mehr übersehbaren Vielzahl von Künstlern interpretiert: Um nur ein paar zu nennen: Elvis Presley, Janis Joplin, Joan Baez, The Blind Boys of Alabama, Meryl Streep, Jonny Cash, Mike Oldfield.

Jeder kennt es, jedem geht der Klang ins Ohr. Am bewegendsten für mich: Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, singt 2015 das Lied bei der Trauerfeier für die Opfer des Anschlags von Charleston in South Carolina. „Amazing Grace“.

Umwerfend? Ja, schon eher. Das Lied erzählt von der umwerfenden und verwandelnden Gnade. Es erzählt von einem Vorher und einem Nachher. Von dem Weg, der von der Blindheit zum Sehen führt, von Angst zur Hoffnung, von Gefahr zum Vertrauen. Der Verfasser des Liedes wird so etwas erlebt haben. Er war tief in den Sklavenhandel verstrickt, bevor er für sein Leben einen ganz anderen Angelpunkt gefunden hat.

Amazing Grace. Umwerfende Gnade.

Umwerfend? Weihnachten ist umwerfend. Die alten Adventslieder erzählen ja auch schon davon: O Heiland, reiß die Himmel auf. Diese Sehnsucht ist kraftvoll und drastisch. Weihnachten darf uns mit Macht aus unserem „So ist es und so wird es bleiben“ herausreißen.

Umwerfend. Was wirft mich um?

Ja, tatsächlich wirft mich der Gedanke um, dass Gott Mensch wird. Das ist, wenn auch schon hunderte Male gehört, alles andere als banal. Gott so denken zu können, dass der Unendliche den Schritt auf diese Erde macht, in das menschliche Leben hinein, in seine Banalität, in seine Freude, in sein Leid: Das ist umwerfend. Dass er sich berühren lässt und am Ende verstricken lässt in diese Welt. Dass er Zuwendung, Freundschaft, Feindschaft und Verfolgung erfährt. Das ist umwerfend.

Das ist so umwerfend, dass der Mensch dadurch auf die Beine kommt. Auch das meint das Wort von der umwerfenden Gnade. Ein Umwerfen, das nicht zerstört, sondern paradoxerweise aufrichtet. “And grace will lead me home”. Und Gnade wird mich nach Hause führen.

Die so genannten O-Antiphonen, die die letzten Tage vor Weihnachten begleiten, kurze Texte aus dem Abendgebet der katholischen Kirche, schließen heute mit folgendem Text:

„O Immanuel, unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: o komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und Gott.”

Immanuel. Das ist vielleicht der schönste Name, den Gott hat: Immanuel. Das hebräische Wort heißt: Gott mit uns. Und das ersehnen wir an Weihnachten: Gott mit uns. Amazing. Umwerfend – aufrichtend. In unseren Hoffnungen und Ängsten, in dem, was uns das Herz zerreißt und in dem, was uns von Herzen froh macht.

Ihnen allen wünsche ich umwerfende Weihnachten.

Dr. Peter-Felix Ruelius

 
 
 
 
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